Gedanken zur Woche

Gedanken zur Woche

Gedanken zur Woche vom 29. Mai 2020

Liebe «zurückkommende» Gemeinde

Ja, es ist jetzt plötzlich Schlag auf Schlag gegangen. Dank den weiterhin stabil tiefen Zahlen trotz erster Lockerungen, wie zum Beispiel auch bei den Schulen, wird das BAG «mutiger». Gut, ein «bisschen» Druck vonseiten der Wirtschaft war ja auch dabei, aber immerhin. Freuen wir uns. Auch die Wiederaufnahme der Gottesdienste wurde überraschend zwei Wochen früher möglich als geplant, wenn auch noch unter ziemlich spürbaren Einschränkungen. Der Sicherheitsgedanke ist vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Institutionen immer noch «sehr präsent» und niemand möchte sich dabei die Finger verbrennen. Es wird für uns somit eine neue Erfahrung werden, einen Gottesdienst zu feiern, ohne dabei singen zu dürfen. An die Abstandsregeln haben wir uns ja mittlerweile «gewöhnt». Aber nichtsdestotrotz möchten wir die neue Freiheit dankbar annehmen und das Beste daraus machen. Zum Beispiel werden wir zur Kompensation für den fehlenden Gesang vermehrt in den Genuss von Solisten kommen, welche mit ihren Instrumenten zusammen mit der Orgel oder auch mit Soloeinlagen für uns die Gottesdienste musikalisch bereichern werden. Und für alle, die sowieso lieber nicht selber singen, wären die nächsten Gottesdienste bis zur nächsten Lockerung somit also auch eine besondere Chance, die sie unbedingt nutzen sollten. ;-)

Ja, und jetzt, ist nun alles wieder gut und wird nun bald alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen? Auf der einen Seite hoffen wir dies natürlich alle und als «Gewohnheitstiere» würde uns dies entsprechend entgegenkommen. Auf der anderen Seite müsste es uns aber auch zu denken geben, weil schon vor der Coronazeit viele Fragezeichen in der Luft lagen, die dringend nach Antworten verlangten; die überhitzte globale Wirtschaftssituation; der Klimawandel und das übersteigerte Mobilitätsverhalten wie zum Beispiel die Vielfliegerei, bei gleichzeitigen Tiefstpreisen. Aber auch die immer grösser werdende Schere zwischen Arm und Reich sowie das zugespitzte wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd, wie auch die immer noch anhaltenden Flüchtlingsströme und das Hungerproblem u.a.m. Alle diese Fragen sind in den letzten Wochen in den Hintergrund geraten und es wird wohl noch eine Zeit dauern, bis wir überhaupt den Blick für alle diese «Ausgangslagen» wieder frei bekommen werden. Es ist eigentlich interessant. Einerseits gab es durch den weltweiten Lockdown eine «Entschleunigung» auf fast sämtlichen Gebieten und doch half dies nicht wirklich, gleichzeitig einen «neuen Blick» auf die tatsächlichen Weltprobleme zu ermöglichen. Praktisch keines dieser Themen geriet in den Fokus. Die Fixierung auf das Coronaproblem beherrschte die Medien und die Aufmerksamkeit der grossen Mehrheit. Alles andere blieb weitgehend im Dunkeln und durchbrach höchstens auf «Schlagzeilenebene» für eine kurze Zeit die nationalen wie virtuellen Grenzen. Eigentlich überraschend eindeutig: Obwohl die Pandemie ein weltweites Problem war, konzentrierte sich doch jedes Land auf sich selber. Dies sage ich nicht als Vorwurf. Es gehört offensichtlich zur menschlichen Psyche, dass diese erst dann wirklich offen sein kann, wenn die eigene Sicherheit und Gesundheit geklärt ist. Und durch die radikalen Grenzschliessungen entstand sogar auch äusserlich eine bildliche Entsprechung zu diesem Phänomen.

Was nun aber wirklich in diesen drei Monaten weltweit geschah und was dies rückwirkend auch für uns bedeutet, werden wir wohl erst mit der Zeit realisieren können. Der «Nebel des Unwissens» wird sich nach und nach auflösen und wir können nur hoffen, dass es nicht gar so schlimm sein wird, wie immer wieder auch gemutmasst wird. Wir dürfen auch hoffen, weil wir wissen, dass der Mensch in der Not besonders erfinderisch werden kann und dass sich vielleicht auch mehr im Verborgenen an neuen Innovationen entwickelt hat, als wir dies vermuten würden.

Doch nun wieder zurück zu uns in der Schweiz, im Kanton Zürich, im Zürcher-Unterland, im Embrachertal, in der Kirchgemeinde «Embrach-Oberembrach-Lufingen». Obwohl wir alle uns während vieler Wochen kaum mehr sehen oder nur sporadisch von Weitem oder per Telefon zwischendurch einander Lebenszeichen geben konnten, hat jeder von uns trotzdem weitergelebt und sehr individuell Erfahrungen mit den eigenschränkten Bewegungsmöglichkeiten gemacht. Vor allem diejenigen aus der sogenannte «Risikogruppe», welche nicht zuletzt an dieser ungefragten «Zugehörigkeit» besonders zu kauen hatten, mussten Strategien entwickeln, um diesem psychischen Druck standhalten zu können. Ihr direktes Beziehungsnetz wurde zwangsläufig auf ein absolutes Minimum begrenzt und sie durften nicht im gleichen Masse wie die übrigen «Volksgruppen» an der in der Schweiz besonders grosszügig gehandhabten «Eigenverantwortung» teilhaben. Dazu gäbe es noch einiges zu sagen, vor allem auch bezüglich der Rolle der Pensionäre in den Altersheimen, die nochmals eine eigene Kategorie der sog. «Risikogruppe» darstellt. Doch in den Medien kommt dieses Thema jetzt dann sowieso besonders ins Rollen. Und deshalb möchte ich den Blick auf einen anderen Aspekt lenken. Nämlich darauf, dass sich innerhalb dieses kleinen Wirkkreises, auf welchen sich die meisten unter uns beschränken mussten, doch vieles abgespielt hatte, was auch einmalig und wertvoll war. Ich denke, wir alle werden uns gegenseitig viel aus dieser besonderen Zeit erzählen können. Vielleicht nicht so viel, was äusserlich fassbar gemacht werden kann, aber dafür umso mehr darüber, was sich innerlich in uns abgespielt hatte. Unzählige von uns haben in dieser Zeit alleine oder zu zweit Spaziergänge unternommen. Auch ich entdeckte diese Wohltat wieder neu. Unzählige Gedanken entstehen bei dieser entschleunigten Tätigkeit. Es wäre somit spannend voneinander zu hören, zu welchen neuen Erkenntnissen wir dabei gekommen sind. Dies gibt mir auch die Hoffnung, dass doch mehr im Positiven geschehen ist, als das, was uns vordergründig sich zeigen mag. Vielleicht haben einige von uns persönliche Entscheidungen getroffen, neue Prioritäten oder Akzente in ihrem Leben gesetzt, welche möglichweise auch nachhaltig und weiterführend werden können. Wie zum Beispiel gesünder zu essen, bescheidener zu leben, mehr Zeit für Müssiggang einzuplanen, offener und aufmerksamer gegenüber unseren Mitmenschen zu werden oder auf Luxus zu verzichten, um mehr zum Teilen zu haben, um nur ein paar mögliche Mutmassungen zu äussern. Vielleicht entdeckten einige auch den Wert des persönlichen Gebetes wieder neu. Das «Reden» mit Gott kann bei einem Spaziergang intensiv und konkret werden. Jesus betonte besonders im Zusammenhang mit dem Gebet den Wert oder sogar die «Notwendigkeit» des Alleinseins vor Gott. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass einige unter uns es sogar bedauern, dass dieses Kürzertreten bald wieder vorbei sein wird und ihnen dabei vielleicht bewusst wird, zu spät auch die Chancen dieser staatlich verordneten Einschränkungen «entdeckt» zu haben. Wie auch immer, die Unterschiede der individuellen Erfahrungen sind wohl so vielfältig wie wir Menschen von Natur aus sind. Freuen wir uns an all den Erfahrungen, die positiv waren und indirekt uns als Gesellschaft auch nach dem Lockdown im Guten beeinflussen werden.

Und nun nochmals zu uns als Kirchgemeinde. Auch wenn wir versuchten über die Webseite die Kommunikation aufrechtzuerhalten, auch über diese «Worte zur Woche», wurde unser erfahrbarer «Kirchenalltag» durch die Pandemie besonders beschnitten, bis ganz unterbrochen, auch deshalb, weil viele aus unserer Gemeinde die Webseite nach wie vor nicht auf ihrem «Radar» haben. Als Institution wurden wir so in eine Art «Warteschlaufe» verdrängt. Und deshalb bekommt dieser Neubeginn am nächsten Sonntag auch eine besondere symbolische Bedeutung. Einen Neustart mit einem Gottesdienst an Pfingsten. Auch wenn dies ein Zufall sein mag, ist es ein schöner. Denn das, was sich an Pfingsten ereignete, als der Heilige Geist den Jüngern «gegeben» wurde, gilt als der eigentliche «Start» der christlichen Gemeinde. Diese «Krafterfahrung», die die Jünger an Pfingsten erleben durften, als Gott sie durch seinen Geist nicht nur berührte, sondern «erfüllte», löste eine Bewegung aus, die sich nicht mehr aufhalten liess. Die geisterfüllten Jünger erkannten plötzlich glasklar, um was es Gott tatsächlich ging. Sie erkannten, dass sie dadurch mithineingenommen wurden in die Verbindung als Kinder Gottes, wie sie dies vorher erst indirekt an Jesus sehen und miterleben konnten. Sie erhielten ein tiefgreifendes Bewusstsein einer neuen Identität, die den Wert als Weltenbürger relativierte, und sie entsprechend freier und unabhängiger machte. Sie hörten auf eine andere Stimme, als noch vor dieser Erfahrung und ihr Bekenntnis, «Christus ist der Herr» war mehr als ein Lippenbekenntnis. Die Verbindung war durch diese Geistwirkung da und sie «hörten» die Stimme. Sie fühlten sich berufen, «herausgerufen» in eine neue Dimension von Lebendigkeit als Kinder Gottes und hinein in die Verantwortung, diese Identität im Dienste Gottes fruchtbringend für die Welt zu leben. Und in diesem Zusammenhang erhielt die Kirche auch ihren Namen. Das griechische Wort für Kirche, «Ekklesia», bedeutet wörtlich «die Herausgerufenen». Wir wären als Kirche die Gemeinschaft der Herausgerufenen, um in der Verbindung mit dem Geist Gottes in der Welt einen Unterschied zu machen, Licht zu sein, wo das Dunkle sich breit zu machen droht, Liebe zu üben, wo man sich hasst, zu verzeihen, wo man sich beleidigt, Brücken zu bauen, wo der Streit entzweit, den Glauben zu bringen, wo Zweifel herrscht, Hoffnung zu wecken, wo Verzweiflung quält, Freude zu bringen, wo der Kummer wohnt, kurz: als «Kinder Gottes» und nicht als «Kinder der Welt» zu leben.

Dass wir unsere Kirche und uns als Vertreter der Kirche nicht immer so erleben, brauche ich nicht zu betonen. Aber es darf uns zum selbstkritischen Nachdenken bringen und auch zur persönlichen Reue. Um aber dann nicht da stehen zu bleiben, sondern Schritte wieder in diese Richtung zu wagen, die uns Christus gewiesen und auch selber vorgelebt hatte. Schritte hin zu Gott und eine neue Offenheit für das, was uns Gott geben will. Und nach wie vor gilt, dass wir Gott auch darum bitten dürfen, auch um seinen Geist. Aber auch gilt nach wie vor, dass wir nicht zwei Herren gleichzeitig dienen können und entsprechend auch über unsere persönlichen Motivationen in dem, was wir tun, klar werden sollten. Und weil Gott nicht drängt oder uns «stresst», sondern uns die Freiheit lässt, uns dabei selber bleiben zu dürfen, kann es uns nur zum Besten dienen, wenn wir uns darauf einlassen und dabei auch altes und überholtes loslassen. Und je mehr von uns dies beherzigen und die entsprechenden Schritte wagen werden, desto mehr kann wieder auch in unserer Kirchgemeinde davon wachsen, was Jesus als «Reich Gottes» uns ans Herz legen wollte. Und wo das Reich Gottes in uns und innerhalb der Gemeinde Christi am Wachsen ist, beginnen sich auch sichtbare Veränderungen bemerkbar zu machen und das Leben im unmittelbaren Umfeld wird reicher und lebenswerter. Ich möchte uns alle deshalb einladen, bei sich selber genauer hinzuschauen und entsprechende Schritte zu wagen, damit der Neuanfang unserer «sichtbaren» Kirche auch «sichtbar» zu einem Neuanfang werden darf.

In diesem Sinn wünsche ich uns allen mit diesen letzten «Gedanken zur Woche» einen guten Neuanfang zusammen als Gemeinde und möchte mit dem berühmten Gebet abschliessen, das gerne Franz von Assisi zugeschrieben wird und sinngemäss auch seinem Leben entspricht. Dieses Gebet ist eine schöne Zusammenfassung davon, was selbstverständlich sein könnte, wenn wir «Pfingsten» in unserem eigenen Leben suchen und auch zulassen würden, wenn wir unsere Identität als Kinder Gottes tatsächlich erfahren und ernstnehmen dürften. Geben wir nicht auf, daran zu glauben und wagen wir einen Neuanfang. Und lasst uns diese Worte dieses Gebetes auch als Ausdruck unserer Sehnsucht verstehen, dies selber auch so leben zu dürfen, nicht im Sinne einer Leistung, sondern als Frucht des Heiligen Geistes, der dies bewirkt. Und deshalb lohnt es sich, diesen Weg des Glaubens wieder neu zu suchen und dann auch zu gehen.

Ein Gebet, das wie kaum ein anderes auf den Punkt bringt, was Jesus meinte, als er sagte, dass wir auf seine Stimme hören und ihm nachfolgen sollen:

Oh Herr, mache mich zu einem Werkzeug Deines Friedens;
dass ich Liebe übe, da wo man mich hasst;
dass ich verzeihe, da wo man mich beleidigt;
dass ich verbinde, da wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, da wo Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel ist;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Dein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Ach Herr, lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde, sondern, dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern, dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern, dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Amen.

Das Gebet stammt von einer Kommunität in Frankreich um 1912

PS: Ich wünsche allen, die am nächsten Sonntag in den Pfingstgottesdienst gehen werden, eine schöne Gemeinschaftserfahrung und auch das Gefühl eines Neubeginns als immer noch junge Kirchgemeinde Embrach-Oberembrach-Lufingen. Und ich möchte mich auch gleich entschuldigen, weil ich aufgrund der gebotenen Schutzbestimmungen, welche nur eine Pfarrperson im gleichen Gottesdienst vorsehen, leider nicht dabei sein kann.

Pfr. Matthias Fürst


 

 

 

Gedanken zur Woche vom 22. Mai 2020

Liebe «sprachlose» Gemeinde

Wir alle werden sprachlos beim Gedanken, was sich nun weltweit abzeichnet. Die weltweit potentiellen Folgen der Pandemie sind jetzt schon ins Unermessliche gestiegen. Und wieder einmal trifft es die Schwächsten am Härtesten. Während sich ein «Lock down» in den gut versorgten Industrieländern überlebensstrategisch zugunsten der Eindämmung des Virus als sinnvoll oder sogar als nötig vertreten lässt, bewirkt ein solcher in vielen afrikanischen Ländern oder auch in Ländern wie Indien das Gegenteil. Es verschärft die ohnehin schon prekäre Versorgungssituation exponentiell. Wer schon hungert oder am Existenzminimum lebt und keine Vorräte zuhause hat, kann nicht zuhause bleiben, ohne tatsächlich zu verhungern. Und doch wird dies von Millionen zurzeit im Namen der «Gesundheit» verlangt und strikte durchgesetzt. Es ist kaum zu fassen, wie dies zu rechtfertigen ist. Es droht weltweit eine nie dagewesene Hungersnot mit Toten in dreistelliger Millionenhöhe. Schiffe in den Häfen mit Hilfsmitteln «dürfen», wie zum Beispiel in Jemen, erst nach zwei Wochen Quarantäne gelöscht werden, während Millionen im gleichen Land am Hungern sind. Eine unglaubliche Verblendung ist im Gange in der Meinung, damit das «Nötige» zu tun. Die Prioritäten scheinen sich an einigen Orten in der Welt nicht mehr an den tatsächlichen Situationen zu orientieren, sondern werden «ideologisch» gesetzt. Eine Entwicklung, die uns alle sprachlos macht. Die Hilfswerke sind am Verzweifeln, weil es an allem fehlt und die Gelder in andere Richtungen fliessen.

Und doch scheinen uns die Hände gebunden. Wir können sehenden Auges nicht verhindern, was weltweit im Gange ist. Es ist deshalb auch verständlich, dass immer mehr schlicht nicht mehr die Nachrichten schauen und sich lieber verkriechen möchten, um abzuwarten, bis alles vorbei ist. Wir sind hier in der Schweiz in der ausserordentlich komfortablen Lage, dass wir tatsächlich rundum mit allem versorgt sind. Uns geht es im Vergleich zu vielen immer noch sehr gut und wir dürfen dies auch dankbar zur Kenntnis nehmen. Und dies soll uns auch helfen, auf das Klagen auf hohem Niveau zu verzichten und die derzeitigen Einschränkungen geduldiger zu ertragen. Auch in Bezug auf das Reisen, wobei gerade auch dadurch wieder unzählige Menschen, die vom Tourismus abhängig sind, um ihre Existenz bangen müssen. Auch hier zeigt sich unsere weltweite Dilemmasituation.

Ja, wir befinden uns tatsächlich in einer Dilemmasituation. Wir können es drehen und wenden, es geht nie wirklich auf. Was wir auch tun oder nicht tun, es ändert wenig an der Grundsituation. Solange das Notrecht gilt, sind uns die Hände weitgehend gebunden. Wir können wütend werden und protestieren und auch die Behörden und Sicherheitskräfte herausfordern, wie dies an verschiedenen Orten auch schon geschieht. Aber wir erreichen damit nicht das, was wir wollen, sondern verschärfen die Lage nur noch. Die Verantwortlichen «müssen» sich wehren und für «Ruhe und Ordnung» sorgen, auch wenn die Anliegen der Protestierenden durchaus ihre Berechtigung haben. Andere sind verunsichert oder wie gelähmt vor Angst und sind froh, dass die Regierung schaut, dass alles weiterhin in «geregelten Bahnen» laufen kann. Es gibt Zeiten, in denen das «Gehorchen» und bewusste «Unterordnen», die «richtigen» Haltungen sein können. Das muss nichts mit Schwäche zu tun haben, auch wenn es sich für uns nicht als befriedigend anfühlt. Dies ist das unangenehme Grundempfinden einer Dilemmasituation. Und noch sind wir in dieser Phase der Pandemie. Wir können nichts anderes tun, als uns innerhalb unserer zugestandenen Möglichkeiten zu bewegen und zu hoffen, dass sich diese Phase bald dem Ende zuneigt, wie es bei uns ja weitgehend schon der Fall ist.

Und doch heisst dies nicht, dass wir nicht sehen, was geschieht. Im Gegenteil, wir sollen sehend und wach sein, um dann wirklich auch aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen, auch politisch, auch als Kirche, wenn die Zeit dafür reif ist. Und es wird nicht mehr lange dauern. Das Versammlungs-verbot wird bald gelockert. Bis dahin geht es darum, innerhalb der Grenzen, die uns gesetzt sind, das Mögliche zu tun. Und es gibt viel zu tun. Wie ich dies letzte Woche schon thematisiert habe, sind nach wie vor viele Menschen unter uns, die durch das «social distancing» ins Abseits der Isolation geraten sind und dringend «resozialisiert» werden sollten. Dies sollen und dürfen wir tun, und dies ist auch eine schöne und dankbare Arbeit. Auch dürfen wir Betriebe, wie Restaurants oder kleinere Läden des Detailhandels, welche durch den «lock down» eine harte Zeit durchmachen mussten, bewusst besuchen und damit unterstützen.

Es kann auch eine Chance sein, eine Dilemmasituation zu akzeptieren und bewusst auszuhalten, ohne sie ändern zu «müssen». Wir können uns dann stattdessen auf unseren unmittelbaren Wirkkreis konzentrieren und aufmerksam beobachten, was in unserer direkten Umgebung geschieht. Seit Wochen war unser Kopf mit «dem Thema» so etwas von «besetzt», dass wir immer wieder Gefahr liefen, uns kaum mehr «wirklich» zu unterhalten und dass dabei unsere persönlichen, alltäglichen Anliegen neben diesem Überthema kaum mehr Platz fanden. Dabei haben wir ein bisschen das «Gespür» für den eigentlichen Moment einer Begegnung mit einem Unbekannten oder auch Bekannten verloren und es immer wieder verpasst, unser Gegenüber mit dem, was ihn bewegte, wirklich wahrzunehmen. Als Jesus einmal von einem Gesetzeslehrer im Zusammenhang mit der «Nächstenliebe» gefragt wurde, wer denn sein Nächster wäre, den er lieben sollte, antwortete er mit einer Geschichte. Wir kennen sie alle. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Der Mann, der überfallen und niedergeschlagen allein und verletzt liegen blieb, wurde zwei Mal von Passanten bewusst ignoriert. Dass diese gesellschaftlich oder religiös als Vorbilder galten, war sicher nicht zufällig. Bestimmt hatten sie «gute» Gründe dies zu tun, einen wichtigen Termin, das Gefühl der Überforderung oder die «Überzeugung», nicht die richtige Person für diese «Art» von Hilfe zu sein. Vielleicht hatten sie auch Angst stehenzubleiben, um nicht womöglich auch noch überfallen zu werden. Es hätte ja auch ein Hinterhalt sein können. Darauf kam ein Händler, ein Ausländer im damaligen Kontext, welcher bestimmt auch seinen «Fahrplan» hatte, und hielt den Anblick aus. Er habe «Mitleid» empfunden, sagte Jesus, und habe dann getan, was getan werden musste, um diesem armen Kerl zu helfen, auch wenn dies etwas kostete, Zeit und auch Geld, um eine angemessene Betreuung sicherzustellen. Am Schluss fragt Jesus diese überraschende Frage, wer von diesen drei Passanten dem zum Nächsten geworden sei, welcher am Boden lag. Eine unerwartete Umkehrung. Der Nächste muss nicht der Schwache und Hilflose sein, sondern der, der sich vom Leid des Anderen «berühren» lässt und sich mit Herz und Tat einbringt. Die Nächstenliebe ist dann nicht vom «Gefälle» geleitet, das zwischen dem Helfenden und dem, der Hilfe braucht, entstehen kann, sondern wird zur «Herzenssache», als natürlicher Teil einer echten Begegnung oder menschlichen Handlung.

Dies wünsche ich uns allen, dass wir uns inmitten all dem, was schwierig, unsicher, schlimm und überfordernd ist, was gerade in der Welt geschieht, wieder vermehrt von unseren Herzen leiten lassen; dass wir das «Selbstverständliche» tun, nachdem wir uns von dem, was wir sehen, berühren lassen; dass wir durch unser Sein und Tun anderen zu Nächsten werden dürfen und dabei auch wieder neu erfahren dürfen, was Liebe in ihrer unmittelbaren Bedeutung sein kann; dass wir auf Augenhöhe gehen mit unseren Mitmenschen und dabei uns selber gleichzeitig wieder unmittelbarer wahrnehmen dürfen, als lebendige Wesen, die eingebettet in einer Gemeinschaft, sich gegenseitig tragen und stärken.

Ich wünsche uns allen erfüllende und beglückende Momente in dem, was uns unmittelbar an Lebendigkeit diese Wochen begegnen wird. Und dass die Angst vor was auch immer, möglichst keine Nahrung mehr finden muss und gegenüber dem Leben und der Dankbarkeit darüber weichen darf.
Freuen wir uns auch an dem wunderbaren Wetter, das uns die nächsten Tage erwarten wird.

Ich wünsche allne e psunders gueti Wuche! ☺

Pfr. Matthias Fürst
 

 

 

Gedanken zur Woche vom 15. Mai 2020

Liebe «treue» Gemeinde
Es ist nun schon wieder fast normal geworden, dass vieles nicht mehr normal ist. Überhaupt scheint der Begriff «normal» nicht mehr eindeutig definiert werden zu können. Es ändert sich zurzeit laufend, was drin liegt und was nicht. Und dies ist eigentlich schon wieder normal, weil die Normalität sich ja nicht an etwas Statischem misst, sondern am Leben selber und an den Gewohnheiten, die eine entsprechende Gesellschaft entwickelt. Es ist also «normal», dass alles auch wieder anders sein kann. Wir Menschen sind ja erstaunlich anpassungsfähig, und das kommt uns nun in vielem auch zugute. Und doch müssen wir aufpassen, dass wir vor lauter Anpassen und Erleichterung, dass das Schlimmste nicht eingetroffen ist, unkritisch werden und Dinge zulassen, die wiederum «nicht normal» sind, gemessen am gesunden Menschenverstand oder unserem schlichten Bauchgefühl.

Zurzeit wird im Zusammenhang mit der Coronakrise heftig debattiert. Nach wochenlangem Schweigen und «stillem» Akzeptieren, beginnen sich jetzt die kritischen Stimmen zu melden, zum Teil fair und ausgewogen, zum Teil aber auch emotional und verurteilend. Auch wir vonseiten der Kirche haben «still» die Entscheide der Regierung mitgetragen, um damit zusätzliche Verunsicherung zu vermeiden. Es war sicher richtig, in dieser kritischen Anfangsphase, in welcher niemand wirklich wusste, was tatsächlich Sache ist, zu schweigen und abzuwarten. Und in dieser Beziehung dürfen wir unserer Regierung, welche in kürzester Zeit und unter hohem moralischem Druck auf besonnene Art die Verantwortung übernommen hatte, ein Kränzchen winden. Auch wenn im Rückblick gewisse Entscheide anders hätten gefällt werden können oder sollen, hat unsere Regierung unter dem Strich sicher eine gute Arbeit geleistet. Hoch anzurechnen ist ihr auch, dass sie uns als mündige Bürger in unserer individuellen Selbstverantwortung ernst genommen und auf ein Bussensystem, wie dies in anderen Ländern gehandhabt wurde, verzichtet hatte. Hier wurde uns trotz gegebenen Umständen eine grösstmögliche Freiheit in Eigenverantwortung zugestanden. Dafür dürfen wir dankbar sein.

Und doch ist es wichtig, dass wir nun auch rückblickend reflektieren und benennen, wo sich «blinde Flecken» eingeschlichen hatten und welche Schlüsse wir im erneuten «Heute» daraus ziehen könnten oder sollten. Und in dieser Beziehung hat mich ein Aspekt besonders beschäftigt, welcher für mich von allem Anfang an zu wenig berücksichtigt worden ist. Und zwar der, der «seelischen Gesundheit» der Menschen und in diesem Zusammenhang der Wert der Gemeinschaft und der körperlichen Präsenz. Der seltsame Begriff «social distancing» wurde eigentlich anders gedacht, nämlich im Sinne von «physical distancing». Die Regierung ging davon aus, dass es nur um die Einhaltung der körperlichen Distanz gehen würde und das soziale Grundbedürfnis der Menschen trotzdem noch über virtuelle Hilfsmittel wie Telefon oder die sozialen Medien genügend abgedeckt wäre. Bei den meisten Menschen ging diese Rechnung, wenn auch unter spürbarer Einschränkung, bestimmt auf. Man konnte sich unter Berücksichtigung der Schutzmassnahmen trotzdem noch «sehen» und in Kontakt bleiben, wenn man dies wollte und sich auch darum bemühte. Auch virtuell entstanden kreative Wege, die möglicherweise sogar nun längerfristig noch von Wert sein werden. Aber für einige, vor allen für die, die sich nicht wehren konnten, ging es zu wenig auf. Gerade für viele der sogenannten «Risikogruppe», die ja geschützt werden sollten, indem der Rest der Bevölkerung sich ihnen gegenüber «solidarisch» fernhalten sollte, konnte dieses «social distancing» mehr als nur belastend werden. Einsame Menschen wurden nochmals isoliert und Familienbande zum Teil «faktisch» auseinandergerissen. Wer in dieser Zeit alleinstehend oder in einer öffentlichen Institution starb, starb einsam und weitgehend ohne Abschied und Familie. Hier geschah etwas, was nicht eigentlich beabsichtigt war und mit diesem Wort «social distancing» zu tun gehabt hatte. Hier wurde es meines Erachtens «zu gut» gemeint. Es wurde in verschiedenen Bereichen tatsächlich eine «social distancing» umgesetzt und nicht die eigentlich beabsichtigte
«physical distancing». Es gab meines Erachtens eine Art Denkfehler. Es wurde ausgerechnet bei der Altersgruppe, die sich bewusst war, dass sie in der letzten Lebensphase lebt und jederzeit durch alle möglichen Krankheiten oder Einflüsse auch das Sterben in Betracht ziehen muss, eine fast ideologisch anmutende Idee einer «absoluten Sicherheit» angestrebt. Eigentlich fast nicht zu glauben, wenn man es sich nüchtern überlegt. Auch ohne Corona leben wir alle immer mit einem Restrisiko. Das gehört zum Leben. Wer kein Restrisiko eingehen möchte, muss letztlich auf das Leben verzichten. Denn Leben heisst immer auch Konfrontation mit einer Aussenwelt und damit auch mit möglichen unbekannten Faktoren.

Aber ich möchte auch hier nicht verurteilen, sondern relativieren. Es war in der Tat eine schwierige Ausgangslage und viele, vor allem das Personal in den Institutionen, waren schlicht an die, im Nachhinein wahrscheinlich zu harten Vorgaben, gebunden und taten bestimmt ihr Möglichstes, um die Härtefälle aufzufangen. Und bestimmt litten sie selber darunter, dass nicht mehr möglich war. Auch hier ist ein Dank angemessen. Und Gott sei Dank werden die Besuchsrichtlinien nun endlich gelockert.

Und hier können wir auch jetzt noch einsetzen. Was gestern war, können wir nicht mehr ändern, aber was heute und morgen geschieht schon. Dabei ist nun besonders unser Herz und unser gesunder Menschenverstand gefragt. Die Frage muss lauten: Wo gibt es Menschen, die durch die Massnahmen sozial zu stark isoliert wurden und wie können wir sie wieder «resozialisieren», wie wieder zurück in die Gemeinschaft holen? Es sollte eine Werteabwägung geben, die die Risiken gegeneinander abwägen. Die Isolation von schon einsamen Menschen ist nicht menschlich und kann nicht die Idee sein. Der menschliche Kontakt ist ein absolutes Grundbedürfnis und es greift die «seelische» Gesundheit an, wo dies über längere Zeit nicht gewährleistet sein kann.

Liebe «empathische» Gemeinde

Lassen wir uns neben gesundem Menschenverstand und Verantwortungsgefühl wieder vermehrt auch von unserem Herz und unserem «Bauch» leiten und bewusst auf Menschen zugehen, die sich aus Angst oder aus «Pflichtgefühl» in die Isolation begeben haben und darunter leiden. Ich bin überzeugt, dass wir alle Leute persönlich kennen, die bedroht sind, «vergessen» zu gehen und den Anschluss zu verlieren.
Melden wir uns bewusst und bieten wir es ihnen an, sie zu besuchen. Und wenn sie Angst haben, mit angemessenen Vorkehrungen, um ihnen diese Angst zu nehmen. Und geben wir ihnen die Würde zurück, dass sie selber entscheiden können, wie dieser Kontakt sich gestalten soll. Und damit kommen wir dem nahe, welcher uns zur Nachfolge berufen hat. Jesus interessierte sich besonders für Menschen, die sozial isoliert waren. Hier sah er einen dringlichen Handlungsbedarf. Diese Menschen und deren seelisches Leiden lagen ihm besonders am Herzen. Er liess es auch zu, dass sogar Aussätzige in seine Nähe kamen, und er gab ihnen ihre menschliche Würde wieder zurück, indem er sie berührte und von ihrer Stigmatisierung befreite, «unberührbar» zu sein. Diese «innere Heilung» kam oft noch vor der äusseren. Und Matthäus lässt Jesus in seinem eindrücklichen Gleichnis zum Ende der Zeit bekennen: «Alles, was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.» Jesus solidarisierte sich uneingeschränkt mit denen, die sozial distanziert waren und holte sie, wo immer möglich, in die Gemeinschaft zurück. Und deshalb sollen auch wir dort, wo das «physical distancing» droht zum «social distancing» zu führen, abwägen, wieweit dann das «physical distancing» weiterhin gerechtfertigt sein kann. Wie auch immer wir unterwegs sein werden, wenn wir uns mit Empathie auf die Seite der «Vergessenen» oder Isolierten stellen, werden wir immer wieder die Erfahrung machen, dass Jesus gegenwärtig ist und uns gerade im Nächsten, den wir besuchen oder kontaktieren, spürbar begegnen kann. Und dort, wo das tatsächlich geschieht, erfahren wir immer auch ein Stück «Himmel auf Erden».

In diesem Sinne wünsche ich uns allen nicht nur physische, sondern auch seelische Gesundheit und die Gewissheit, dass Gott mit uns ist, wo immer wir uns selber treu sind und uns immer die Kraft zufliessen lässt, die wir dann brauchen.
Ich wünsche uns allen eine gute und gesegnete Woche!

Pfr. Matthias Fürst
 

 

Gedanken zur Woche vom 8. Mai 2020

Liebe «aufwachende» Gemeinde

Nun ist der Lockdown gelockert und doch ist das Thema genauso präsent und die Schutzmassnahmen sind immer noch ein Dauerthema. Noch wird die Angst «vorsorglich» hochgehalten mit Warnungen bezüglich einer möglichen zweiten Welle. Auch sind öffentliche Versammlungen und somit auch unsere Gottesdienste in der Kirche noch nicht möglich. Offiziell erst ab Montag, dem 8. Juni. Konkret also könnte der erste reguläre Gottesdienst nach heutigem Stand erst am Sonntag, dem 14. Juni, stattfinden. Absehbar und doch «gefühlt» noch eine lange Zeit. Und ob man dies gut findet oder nicht, es gibt keinen Handlungsspielraum.

Es ist interessant zu beobachten, was in den letzten Wochen in unserer Gesellschaft geschehen ist. Das Thema Corona wurde zwar diskutiert und war rund um die Uhr gegenwärtig und doch befolgten und befolgen auch weiterhin praktisch alle genau die Vorgaben, die vom Bund her vorgegeben werden. Auch diejenigen, die nicht oder nur bedingt mit den Massnahmen einverstanden sind. Es gab und gibt keine Opposition, keine Proteste oder Kundgebungen. Eine seltsame Mischung zwischen Überforderung und einer Art stoischer «Gelassenheit». Man konzentrierte sich auf das scheinbar «Machbare», und zwar auf besonders akribische Weise, ohne die grösseren Zusammenhänge wirklich im Blick zu behalten. Auch eine Art «Dankbarkeit», dass man nicht «entscheiden» musste, weil die Entscheidungen schon getroffen waren, schwang mit. Innerhalb dieses Machbaren geschahen aber auch viele Taten der Solidarität und der Menschlichkeit, die nicht unerwähnt bleiben sollen und Ausdruck des guten Charakters vieler Zeitgenossen waren und sind. Auch kreative und innovative Ideen wie auch humorvolle Einlagen jeglicher Art brachten Lebendigkeit und «gesunde» Leichtigkeit ins Spiel. 

Doch nun beginnt sich die seltsame Form von «Starre» zu lockern. Mit den «Freiheiten» kommen auch die Gefühle der Selbstverantwortung zurück. Auch die Politik meldet sich langsam zurück und aktuelle Themen «dürfen» oder müssen nun wieder kontroverser diskutiert werden können. Dies kann und muss nun auch als Chance wahrgenommen werden. Unbedingt! Wenn es einen «Gewinn» aus der Krise geben könnte, dann die Einsicht, dass es so, wie es war, nicht unverändert weitergehen darf. Diese einmalige Ausgangslage, dass weltweit gleichzeitig die gesamte Wirtschaft auf ein Minimum heruntergefahren wurde, eröffnet uns tatsächlich eine Gelegenheit zu korrigieren, bevor alles wieder «hochgefahren» wird. Die unzähligen Milliardenhilfskredite zum Beispiel müssten an «sinnvolle» Bedingungen geknüpft werden können. Der Umwelt zuliebe, der sozialen Gerechtigkeit zuliebe, den Flüchtlingen zuliebe, den Hungerleidenden zuliebe... Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Immerhin!

Doch unabhängig von allem Machbaren und dem, was dann tatsächlich umgesetzt werden wird, wir dürfen uns persönlich nicht davon «verrückt» machen lassen. Auch wenn es trotz unseres Einsatzes anders kommt, darf es nicht über unser persönliches Sein oder Nichtsein bestimmen. Auch wenn wir scheinbar ohnmächtig auf die «Zuschauerränge» des Welttheaters verbannt werden, wir dürfen unseren persönlichen Wert und unser «Glück» nicht davon abhängig machen. Das würde niemandem helfen. Im Gegenteil, gerade dann, wenn es überhaupt nicht so läuft, wie es sollte und alles drunter und drüber geht, sind die Leute gefragt, die trotzdem noch in ihrer Mitte sind und auf einem Fundament stehen, das unabhängig von den gegebenen Umständen Bestand hat. Und gerade als Christen dürfen wir uns in dieser Beziehung im guten Sinne gefordert wissen. Wir dürfen durch den Glauben auf ein tragendes Fundament vertrauen, das verlässlich ist. Wir dürfen im Gebet all das, was uns bedrückt und auch zur Verzweiflung bringen kann, aussprechen, klagend in Worte fassen, ja sogar «hinausschreien» und gleichzeitig die Erfahrung machen, dass uns diese Last von der Seele genommen wird, dass neuer Frieden und neue Zuversicht nachfliessen können. Wir dürfen und sollen dann wieder gestärkt unter den Leuten präsent sein und «wie von selbst» Licht ins Dunkle bringen, im «demütigen» Wissen, dass wir genauso schwach und bedürftig sind, wie alle anderen auch, aber gleichzeitig reich beschenkt und getragen. 

Mich faszinieren Menschen, die diesen inneren Frieden ausstrahlen und gleichzeitig geerdet und menschlich sich in der Gemeinschaft auf Augenhöhe einbringen, ohne stolz oder überheblich zu wirken. Und es tut gut, immer wieder einmal eine Biographie von Menschen zu lesen, die im Glauben standen und sich vom Geist Gottes leiten liessen. Wie zum Beispiel die eines Dietrich Bonhoeffers oder einer Mutter Theresa oder eines Martin Luther Kings oder irgendwelcher anderen nicht so berühmten Vorbilder. Es tut vor allem gut zu sehen, dass diese scheinbar so unerschütterlichen Menschen gleichzeitig genauso schwach und bedürftig waren wie wir alle und auch in schwere Zweifel und seelische Not geraten konnten. Im Unterschied zu den meisten von uns – und ich schliesse mich da ein – gehen sie aber damit nicht zu anderen Menschen, um dort Trost und Verständnis zu suchen, sondern direkt ins «stille Kämmerchen», um dort diese Not direkt vor Gott auszusprechen, hinauszuschreien oder auch «auszudiskutieren», im Vertrauen, dass der lebendige, tröstende und bejahende Geist Gottes gegenwärtig ist, antwortet und das innere Gleichgewicht wieder herstellen wird. Wenn sie dann wieder unter die Leute gehen, strahlen sie wieder diesen Frieden und die innere Gelassenheit aus, die so wohltuend ist und Sicherheit vermitteln kann. Diese «Gottesmänner» oder «Gottesfrauen» wirken dann «scheinbar» so stark und unerschütterlich im Glauben und es kann die gefährliche Assoziation entstehen, dass «die» halt bessere Menschen sind und es im Griff haben und uns somit glaubensmässig weit überlegen sind; dass wir halt nur kleine zweifelnde «Möchtegernchristen» seien, die aber versagen, wenn es wirklich drauf ankommt. Deshalb ist es so heilsam, wenn genau diese Leute über ihre inneren Kämpfe und auch Glaubensnöte berichten. Aber eben, sie gehen damit nicht unter die Leute, sondern verhandeln es direkt mit dem, der es wirklich «im Griff» hat. Ich staune immer wieder, wie viele Stunden diese Menschen im Tag Zeit im Gebet verbringen, nicht, weil sie dies müssen, sondern weil sie es brauchen. Auch Jesus zog sich immer wieder zurück, um mit «seinem Vater» alleine zu sein. Auch Paulus erlebte sich als schwach und kein bisschen besser als alle anderen, aber wusste von dieser Quelle und es war ihm keine Sekunde zu schade, um sich dort aufzuhalten, um Kraft und neuen Mut zu schöpfen. Es ist eigentlich schon seltsam, dass wir als Christen diese so eindeutige und hundertfach bestätigte Ressource des Gebetes so wenig zu nutzen scheinen. Wir geben wahrscheinlich jeweils viel zu früh auf, weil wir Stimmen in uns glauben schenken, dass es eh nichts bringt und wir halt nicht so «gläubig» oder konsequent sein können, oder was auch immer diese «Spielverderber» an Argumenten vorbringen mögen. Ich möchte uns allen deshalb Mut machen, dieses «stille Kämmerchen» wieder neu aufzusuchen und wirklich alles, was uns bedrückt, dort zur Sprache zu bringen. Und ich wünsche uns allen dann diese wunderbare Erfahrung, dass wir tatsächlich Entlastung erfahren und neuen Mut und auch inneren Frieden erhalten werden, um dann im Alltag ohne Anstrengung uns selbst sein und einbringen zu können; dass wir damit alleine durch unsere Präsenz «wie von selbst» einen Unterschied machen dürfen. Und dies nicht, weil wir etwas Besseres, sondern, weil wir an der «Quelle des Lebens» angeschlossen sind.

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, trotz allem, mit allem und durch alles hindurch!
Alles Liebe!
 
Pfr. Matthias Fürst
 

Gedanken zur Woche vom 30. April 2020

Liebe «aufatmende» Gemeinde

Der silberne Streifen am Horizont ist schon sichtbar. Die Massnahmen werden gelockert. Und doch bleiben noch grosse Fragezeichen und es belastet uns, auch wenn wir es nur ahnen, was da alles noch für Folgeprobleme auf uns kommen werden. Ja, wir in der Schweiz sind zum Glück einmal mehr verhältnismässig gut weggekommen und haben auch die finanziellen Möglichkeiten, um die Löcher, die in den unterschiedlichsten Ebenen der Volkswirtschaft entstanden sind, mehr oder weniger gut zu stopfen. Was andere Länder machen werden, beziehungsweise in der Lage sind, können wir erst mutmassen und wird sich zeigen müssen. Was aber sicher gesagt werden kann ist, dass es uns nicht egal sein kann und es uns ganz bestimmt mitbetreffen wird. Die Global vernetzte Welt ist wie ein grosser «Organismus», welcher nicht mehr einfach so «ungestraft» Teile von sich abspalten kann, im Sinn von «geht mich nichts an», wie wir dies im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung schon länger hautnah mitbekommen. Lange Zeit, viel zu lange, gingen wir davon aus, dass jedes Land selber schauen muss, was es tut und seine Probleme selber in den Griff bekommen muss. Auch wenn dies natürlich auf verschiedenen Ebenen auch heute noch stimmt, wird doch immer deutlicher, wie abhängig wir tatsächlich voneinander sind, ob wir dies wollen oder nicht. Was damals während der Kolonialzeit «scheinbar» noch möglich war, dass ganze Ländereien und Völker zugunsten der Kolonialherren «ausgebeutet» werden konnten, ohne «echte» Konsequenzen für das «Mutterland», ist so heute nicht mehr denkbar.

Auch wenn wir froh sind, dass wir in der Schweiz leben, wo noch Sicherheit und Ordnung herrscht, und das sicher auch dürfen, kann uns die Not der Welt nicht mehr unberührt lassen. Wir sitzen definitiv im selben Boot und müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen, um sicher ans nächste «Ufer» zu gelangen. Auch wenn dieses Bild tiefsinnig scheint, ist es gleichzeitig doch sehr verschwommen und wir wissen nicht genau, was es bedeuten soll. Aber ich denke, es entspricht umso mehr unserer heutigen weltweiten Realität. Wir alle, rund um den Globus wissen nicht genau, was das alles soll und wie wir es in den Griff bekommen sollen. Wir «alle» sehen nur verschwommen, was Sache sein könnte.

Und deshalb ist es auch verständlich, dass «wir» alle genug vom Thema haben und uns lieber dem zuwenden wollen, was greifbar und klar ist. Zum Beispiel, dass nun die Läden wieder offen sind und man tatsächlich wieder Geranien kaufen kann. Seit einigen Jahren habe ich diese tolle Pflanze entdeckt und freue mich sehr darüber. Ich bin richtig Fan geworden von dieser Pflanze und sie ziert seit längerem die Strassenfront vom Pfarrhaus. Das faszinierende daran ist für mich, dass die Geranien nicht einfach blühen und dann verwelken, wie die meisten Blumen. Nein, sie blühen sozusagen «immer». Während die wunderbaren Blüten ihren Blütenhorizont schon überschritten hat und sich dem Welken zuneigen, haben sich schon genug neue Knospen gebildet, die zur rechten Zeit ins Blütestadium wechseln, während die «alten» tatsächlich verwelken. Und so erscheint der Eindruck, als würden die Geranien ständig blühen. Ein wunderbares Bild, auch für uns als Gesellschaft. Eine gesunde Gesellschaft «blüht» immer. Es sind immer junge und gesunde «Triebe» am Kommen, die dann die Aufgaben der «Alten» übernehmen können, sobald diese ihren «Horizont» überschritten haben und sich langsam aber sicher wieder aus dem öffentlichen «Erscheinen» zurückziehen. Ja und deshalb ist es gar nicht schlimm, wenn die Blütenpracht der einzelnen Blume «vergänglich» ist. Wenn die nächste Generation sich im Schatten gut entwickeln durfte, dann ist alles gut.

Liebe «erholungsbrauchende» Gemeinde

Ich möchte uns allen mit diesem Bild eine Erholungsrunde gönnen und ermuntern, sich wirklich von Herzen an der erwachten und blühenden Frühlingsnatur zu erfreuen. Lasst uns diese Woche, unsere seit Wochen anhaltende Fixierung auf dieses «eine» Thema verlassen, zugunsten eines neuen Blickes auf die Natur und auf das, was sich uns tatsächlich im Alltag zeigt, auch auf unsere Mitmenschen. Freuen wir uns an allem, was wir sehen, riechen und schmecken können. Auch dass es nun endlich wieder richtig regnet und unsere trockene Natur genug Wasser bekommt, um uns mit seinem vielfältigen Grün und der wunderbaren Farbenpracht zu «betören». Lasst uns alle auch dankbar sein, dass das Leben trotz allem weitergeht. Ja, das Leben ist einfach wunderbar und voller Kraft! Sie lässt ständig neue «Triebe» entstehen, die das Morgen zum Leuchten bringen werden, egal wie das Heute aussieht. Solange die Grundvoraussetzungen gegeben sind. Und zu den Grundvoraussetzungen gehört es auch, dass wir uns freuen an den schönen Dingen des Alltags und uns auch Ruhe und Pausen gönnen und uns vor allem nicht von der Angst leiten lassen. Wie ich schon letzte Woche geschrieben habe, zieht sich die Freiheit zurück, sobald die Angst sich breit macht. Angst und Freiheit verhalten sich zueinander wie Licht und Schatten. Jesus hat uns nicht grundlos geboten, Licht in der Welt zu sein. Er hat uns damit auch geboten, den «Kampf» gegen die Angst anzutreten und den Menschen Mut und Zuversicht zu vermitteln. Ja, lasst uns dankbar sein und der Angst vor alle dem, was kommen mag, abzusagen und uns damit erneut für die Freiheit zu öffnen und gleichzeitig Gott im Geist dankbar die Arme entgegenzustrecken. Und wo Licht und Freiheit ist, da ist auch Lachen und Geborgenheit. Und wo Geborgenheit ist, da ist auch Sicherheit und Kraft. Und wo Kraft ist, ist auch die «Lust» zu neuen Taten nicht mehr weit. Und so kann das Leben weitergehen. Dann ist alles gut, auch wenn nicht alles gut ist!

Ja, lasst uns diese Woche nutzen, um dankbar aufzuatmen. Lasst unseren Blick auf das pulsierende Leben in allen Facetten richten und gleichzeitig unsere Möglichkeiten nutzen, anderen auch zu diesem Blick zu verhelfen. So können wir erfahren, dass wir, wo immer wir im Leben stehen, immer gleichzeitig in einem viel grösseren Ganzen eingebettet bleiben und dieses grössere Ganze uns trägt. Und wenn wir noch tiefer «hineinfühlen», merken wir, dass wir wunderbar geborgen sind und uns letztlich nichts wirklich Schlimmes passieren kann, selbst dann nicht, wenn wir sterben müssen. Wir bleiben Teil des grösseren Ganzen, welches wiederum letztlich in Gott gründet. Und mit den berühmten Worten von Dietrich Bonhoeffer schliesse ich diese Gedanken ab: «Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.»

Geniesst die Woche! Hebed eu Sorg!
Bhüet eu Gott!

Pfr. Matthias Fürst

Gedanken zur Woche vom 24. April 2020

Liebe «freiheitsliebende» Gemeinde

«... betet, freie Schweizer, betet!» Ja, nun wird es uns immer bewusster, was wir eigentlich an Freiheiten hatten, bevor wir temporär durch den Staat in diesen eingeschränkt wurden. Ja, die Freiheit ist ein besonderes Gut und nicht einfach selbstverständlich. Freiheit hat auch zu einem grossen Teil mit Selbstverantwortung zu tun. Und ein Staat, der diese gewährt, ist auf ein grosses Mass an Vertrauen angewiesen. Dieses pendelt in einem Rechtstaat, einer Demokratie, wie wir sie noch bis vor kurzem erleben durften – und hoffentlich auch bald wieder dürfen – , innerhalb eines bestimmten Spielraumes und ist auch Risiken ausgesetzt. Diese Risiken lassen sich durch gegenseitiges Vertrauen und mehrheitliche Einhaltung der Spielregeln in Grenzen halten. Und wo Risiken einkalkuliert werden, ist auch eine gewisse Offenheit für unvorhersehbare Ereignisse und Entwicklungen nötig. Dies macht das Leben spannend, fordert aber gleichzeitig immer wieder neu insofern heraus, dass auf die entsprechend nicht immer vorhersehbaren Ereignisse und Entwicklungen angemessene und allgemeinverträgliche Antworten gefunden werden müssen. Dies braucht Gespräche, Austausch, Flexibilität und Kompromissbereitschaft. Und deshalb geht es manchmal langsam und die nötigen Änderungen hinken folglich nach, was auch Geduld und Nachsicht erfordert. Dafür sind diese dann aber nachhaltig und von der Mehrheit getragen und bejaht.

Und plötzlich kommt da ein scheinbar «übergeordnetes» Ziel, dass alles andere in die Schranken weist. In kürzester Zeit hat nun eine «befohlene» weltweite «Priorität» alle Regierungen der Welt «überrascht» und zum Handeln «gezwungen». Da keine Zeit für «demokratische» Entscheidungsfindungen mehr vorhanden zu sein schien, wurden diese von einem «Krisenstab» schnörkellos übernommen und über das Notrechtgesetz umgesetzt. Es ist erstaunlich, wie schnell und widerstandslos dies überhaupt bei uns möglich war. Auch war das Vertrauen überraschend hoch, dass «die» das schon richtig machen. Für Staaten, die diktatorische Führungsstrukturen gewohnt sind, wie zum Beispiel in China, änderte sich dadurch gar nicht so viel. Die chinesische Regierung kann schnell und von null auf hundert alles auf den Kopf stellen und alles funktioniert «berechenbar». Bei uns brauchte es immerhin Schritte. Und, Gott sei Dank, durch unsere in Selbstdisziplin vertraute Gesellschaft in gewissem Rahmen noch weitgehend innerhalb von «Empfehlungen». In anderen europäischen Staaten, wie zum Beispiel Spanien, «ersetzen» drastische Geldstrafen die möglichen Empfehlungen.

Ja, nun hat also eine angeblich «höhere Macht» diese unsere an Freiheit gewohnte Gesellschaft unter ein «Programm» verpflichtet, das nur noch bedingt eigene Entscheidungen zulässt. Für uns eine neue Erfahrung und es lohnt sich, sich hier auch seine Gedanken zu machen. Was wir heute erleben ist eine Art «Vorgeschmack» eines möglichen Überwachungsstaates, der hoffentlich nie kommen wird. «Betet (noch) freie Schweizer, betet!» Ich möchte nicht den Teufel an die Wand malen und doch «überrascht» es mich, wie schnell dies auch bei uns wahrscheinlich klappen würde. Wenn die Regierung und das Rechtswesen und die Polizei unter einem gemeinsamen «Auftrag von oben» ein Ziel erreichen möchten, würde dies relativ schnell umgesetzt werden können. Die Medien müssten mitmachen und sich für dieses «höhere Ziel» verpflichten, während abweichende Meinungen «zugunsten» des übergeordneten Zieles in die Schranken gewiesen werden müssten. Man stelle sich nur die jetzige Situation vor. Es bräuchte nicht viel und wir würden noch viel schärfere Massnahmen akzeptieren. Es müssten nur noch, statt den Empfehlungen verbindliche Gesetze ausgesprochen werden, die dann durch ein Strafmodell durchgesetzt würden, wie dies in vielen Ländern schon passiert. Es gibt tatsächlich auch unter uns Leute, die sich dies wünschten, damit sich «gewisse» andere nicht so viele «Freiheiten» nehmen würden. Dass es aber noch nicht soweit ist und hoffentlich auch nie soweit kommen wird, sollten wir nicht nur dankbar zur Kenntnis nehmen, sondern auch zum Anlass, uns Gedanken zu machen, wie wir diese potentielle Gefahr, die durch die gegenwärtige Weltentwicklung gefördert zu werden scheint, für unser Land innerhalb unserer Kompetenzen nachhaltig verringern könnten. Auch müssten wir uns Gedanken machen, ab wann auch ein allgemeiner «ziviler Ungehorsam» als Gebot der Stunde erkannt werden müsste.

Ja, «Freiheit» ist ein vielschichtiges Wort und es wurden Bücher darüber geschrieben. Und wir wissen alle, dass sie mehr bedeutet, als das individuelle «Machendürfen», was man will. Sie muss wie vieles andere auch in «Gesetz und Moral» eingebettet bleiben, um für alle lebbar zu bleiben. Neben dieser äusserlichen Freiheit innerhalb eines demokratischen Rechtsstaates gibt es aber auch noch eine andere Freiheit, eine Art «innere» Freiheit, die nur bedingt von äusserlichen Umständen abhängig ist. Die Bibel spricht immer wieder von dieser Freiheit und vor allem Paulus betont sie als «das» Geschenk Gottes an uns. «Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auferlegen.» Gal 5,1 und doppelt nach: «Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder und Schwestern. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!»

Was meint er damit? Gelebte Freiheit ist ja immer auch mit Verantwortung verbunden und eingebettet in einen grösseren Rahmen, den wir zwar wählen können, diesem aber auch verpflichtet sind. Auf einen einfachen Nenner gebracht, kann man sagen, dass der Mensch als grundsätzlich «abhängiges» Wesen selbstverständlich nicht im absoluten Sinne «frei» sein kann, sondern immer nur in Relation, im Verhältnis zu einem grösseren Ganzen. Je verlässlicher dieses grössere Ganze ist, desto nachhaltiger ist die darauf bezogene Freiheit. Hier liegt für Paulus sogar der Schlüssel für das persönliche Glück. Ist das grössere Ganze, aus dem ich meinen Selbstwert schöpfe, Gott selber, dann bin ich der «Welt» gegenüber unabhängig und in meinem Handeln frei. Bei Paulus spielt dabei eine grundlegende Frage eine zentrale Rolle. Wer oder was gibt mir meinen persönlichen Wert, woraus beziehe ich meine Identität? Allem, was mir Identität gibt, bin ich unmittelbar verpflichtet und diesem gegenüber folglich abhängig. Wenn es mir wichtig ist, was andere von mir denken, muss ich mich entsprechend verhalten, damit diese das «Richtige» von mir denken. Wenn ich meinen Wert vom Prestige und Ansehen in einer gewissen Gesellschaft ableite, bin ich dort unfrei und befangen, wo meine Meinung derjenigen Meinung der entsprechenden Gesellschaft nicht entspricht.

Und jetzt kommt der Glaube ins Spiel, wobei es durchaus um die Identitätsfrage geht. Wenn wir uns tatsächlich als Kinder Gottes verstehen und uns durch seinen Geist als geliebt und wertgeschätzt erfahren dürfen, dann kann sich plötzlich eine ungeahnte Freiheit gegenüber der Wertevorstellung einer bestimmten Gesellschaft eröffnen. Auch wenn mein Gegenüber meine Meinung nicht teilt oder sogar wütend wird und mich ablehnt, kann ich mich weiterhin als geliebt und wertgeschätzt erfahren und innerlich im Frieden bleiben und somit weiterhin «ungefährdet» zu meiner Meinung stehen. Diese Erkenntnis liegt auch der Bergpredigt zugrunde und lässt Sätze wie «liebet eure Feinde» oder «tut Gutes denen, die euch fluchen» plötzlich nicht mehr als Utopie, sondern als wie von selbst umsetzbar erscheinen. Auch die Aufforderung, Licht oder Salz der Erde zu sein, kann dann plötzlich eine «lustvolle» Aktualität erhalten. Die «Revolution», die Jesus in die Welt gebracht hatte, war tatsächlich eine grundsätzlich neue Sicht Gottes auf uns Menschen. Nicht mehr das Gefälle zwischen dem allmächtigen Gott gegenüber dem unterwürfigen Knecht soll im Blick sein, sondern die Liebe Gottes, die sich im Bild der Liebe eines Vaters gegenüber seinem Sohn oder seiner Tochter spiegelt. Eine neue Identität als Kind Gottes, das Gott vertrauensvoll als Vater anspricht, soll das neue Ziel einer Gottesbeziehung ausmachen. Damit eröffnet sich eine völlig neue Relation gegenüber der Welt. Sie bleibt zwar immer noch der Ort unseres Wirkens, verliert aber den Anspruch unsere Heimat und Garant unserer persönlichen Identität zu sein. «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» hatte Jesus gesagt, als ihn Pilatus nach seinem Handlungsmotiv gefragt hatte (Joh 16,38). Und an seine Jünger richtete er sich in der Bergpredigt mit dem verblüffenden Grundsatz: Sorget euch um nichts, sondern trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und so wird euch alles andere, was ihr braucht, dazugegeben werden. Oder wie in der Übersetzung von Hoffnung für alle: «Setzt euch zuerst für Gottes Reich ein und dafür, dass sein Wille geschieht. Dann wird er euch mit allem anderen versorgen.» Mt 6,33. Oder als eine Art Kontrapunkt: «Was hat ein Mensch denn davon, wenn ihm die ganze Welt zufällt, er selbst dabei aber seine Seele verliert?» Mk 8,36.

Ja, die «Freiheit» ist ein besonderes Gut und offensichtlich nur in Relation zur persönlichen Identitätsfrage sinnvoll. Freiheit wofür? Was gibt mir den inneren Halt, um wirklich frei und ohne Angst und Sorge zu sein? Wo Angst herrscht, ist es in der Tat die Freiheit, die sich zuerst «zurückzieht». Angst macht unfrei und auch die Liebe kann sich nur im angstfreien Raum entfalten. Einfache Grundsätze mit grosser Reichweite. Es macht deshalb wirklich Sinn, zuerst sich klarzuwerden, wo ich mich tatsächlich zuhause und geborgen fühlen kann, bevor ich meine persönliche Freiheit wirklich leben und auch geniessen kann. Und dazu braucht es ein Grundvertrauen, das nicht so leicht erschüttert werden kann. Und genau hier liegt die grösste Gefahr unserer gegenwärtigen Krise. Sie greift unser Grundvertrauen an und die «von oben» verordneten Massnahmen zum angeblichen «Wohle» aller, können in der Tat nicht «wirklich» überzeugen. Das verunsichert und lähmt uns alle. Und deshalb macht es Sinn, sich wieder die Grundsatzfrage zu stellen: Was gibt mir tatsächlich Identität, den Wert, den ich brauche, um innerlich frei zu sein? Und hier kann sich der Kreis wieder schliessen. «Betet, freie Schweizer, betet!». Was immer auch passiert, wenn ich weiss, wer ich in den Augen Gottes bin, wenn mein «Reich» nicht von dieser Welt ist, dann kann geschehen was will, meiner Seele kann es nichts wirklich anhaben, und darauf kommt es letztlich an.

Liebe «aufblickende» Gemeinde

Lassen wir uns nicht in die lähmende Angst der Ungewissheit hineinziehen, sondern mit offenen Augen und «von guten Mächten» wunderbar geborgen, getrost auf uns zukommen lassen, was kommen mag. Und bleiben wir wach und aufmerksam, wenn etwas in unserer Kompetenz liegt, einen Unterschied auch für andere zu machen. Und halten wir uns zurück, wo sich der Lauf der Dinge nicht aufhalten lässt. Was wir aber immer können, ist beten und alle unsere Sorgen in jeder Lage bittend, flehend und auch dankend auf Gott «werfen», «so wird der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, eure Herzen und eure Gemüter in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren» Phil 4,7.

Ich wünsche euch eine gesegnete Woche. Lassen wir uns nicht entmutigen, sondern dankbar auf den schauen, welcher für uns «die Welt» überwunden hat und uns zu einem Leben in «wahrer» Freiheit berufen hat.

Gott sei mit uns allen!

Pfr. Matthias Fürst

Gedanken zur Woche vom 17. April 2020

Liebe «wartende» Gemeinde

Ja, jetzt scheint es nicht mehr allzu lange zu gehen. Auch wenn der Bundesrat nochmals eine Woche verlängert hat, ist es immerhin nur eine Woche. Schon mal gut. Das lässt vermuten, dass die Verantwortlichen unsicher sind und sich durch diese Woche zusätzlich Zeit verschaffen möchten. Wenn die Zahlen nun nicht nochmals deutlich steigen, wird es eine Öffnung geben «müssen». Doch was heisst das konkret? Was machen wir dann? Einfach den Schalter umdrehen und wie aus einem bösen Traum erwachen und weiterleben wie bisher? Dies wird leider nicht so einfach werden. Erstens wird es wahrscheinlich schrittweise gehen und dann werden wir insofern gefordert sein, dass wir uns nach dieser Isolation erst wieder «finden» müssen. Die Coronakrise war und ist eine besondere Krise. In mancher Beziehung. Auch deshalb, weil es nicht alle gleich getroffen hat oder noch treffen wird. Für einige waren es sogar eine Art «Gratisferien», bei vollem Lohn und schönem Wetter. Für viele aber eine Zerreissprobe. Vor allem auch für die Kleinunternehmer und selbständig Erwerbenden. Sollen wir einen Kredit nehmen oder noch zuwarten? Kredit nehmen heisst ja auch Schulden machen. Können wir es uns leisten, die Angestellten noch zu tragen oder müssen wir zur Notbremse greifen, auch wenn es uns unendlich leid tut? Schwere und belastende Entscheidungen, die auch die Beziehungsebenen angreifen. Ja, was wird nach der Coronakrise sein? Kommen die, die Glück hatten, denen, die weniger Glück hatten, entgegen? Was bedeutet der Solidaritätsgedanke noch, wenn das Corona selber Geschichte ist? Wie wollen wir die erneute Öffnung zur «potentiellen Nähe» gestalten? Wen hatten wir wirklich vermisst, während dieser Zeit der Isolation? Und weshalb andere eher weniger? Viele offene Fragen.

Ich denke, es ist gut, dass wir noch eine Woche mehr Zeit bekommen haben, um uns Gedanken zu machen, was nun für uns persönlich genau «Sache ist», wenn wir ganz ehrlich sind. Es ging vielen von uns vor allem auch seelisch nicht gut während diesen bangen Tagen. Auch konnten nicht alle gleich gut mit dem Schock am Anfang und der latenten Angst umgehen. Viele waren wie gelähmt und nicht imstande wirklich sinnvoll die «geschenkte» Zeit zu nutzen. Nicht wenige hatten nicht einmal die Kraft, ihre Freunde anzurufen und zogen sich lieber ganz zurück oder lenkten sich bis zum Gehtnichtmehr mit dem Überangebot an «Berieselungsangeboten» im Netz ab. Nun beginnen sie zu erwachen und es ist ihnen peinlich. Und deshalb ist es gut, wenn wir uns nun überlegen, wie wir in dieser Situation noch bewusst Akzente setzen wollen. Ja, es ist auch eine Chance, dass wir noch etwas «warten» müssen, um uns innerlich darauf vorzubereiten. Gerade als Christen dürfen wir uns im Gebet an Gott wenden und ihn darum bitten, dass er uns dabei begleitet und unser Herz weit und feinfühlig macht. Auch dass er uns ein geduldiges Ohr schenkt, um die Geschichten, die die Mitmenschen während der Krise erlebt haben oder auch als Folge davon noch «bangend» vor sich sehen, anzuhören und dabei innerlich mitgehen zu können. Auch, dass wir verständnisvoll sein dürfen mit all denjenigen, die sich Vorwürfe machen und sich ihrer persönlichen Defizite bewusst wurden während der Krise. Möge Gott uns allen ein gnädiges und offenes Herz geben und auch ein dankbares, weil doch vieles zumindest für uns in der Schweiz weitaus besser und glimpflicher verlaufen ist, als befürchtet.

Wie auch immer, es war für uns alle eine Ausnahmesituation und nicht alle waren in der Lage diese Herausforderung gleich gut zu meistern. Auch für die Regierung, die in kürzester Zeit zum Teil harte Entscheide treffen und entsprechend umsetzen musste, wird es im Rückblick nicht nur einfach sein. Sicher hätte man das eine oder andere besser machen können. Es ist immer einfach im Nachhinein zu kritisieren, wenn alles offen auf dem Tisch liegt. Unter dem Strich dürfen wir aber dankbar sein.

Letzte Woche war Ostern. Es waren Ostern im kleinsten Rahmen. Die, welche Glück hatten, waren zusammen mit der Familie und vielleicht noch ein paar Freunden. Andere, dieses Jahr wohl besonders viele, ganz alleine. Je nach Konstitution und Charakter strukturiert und bewusst begehend oder sich treiben lassend, zusammen mit dem Fernseher und hoffentlich auch noch mit einigen Telefonkontakten. Lasst uns auch in dieser Beziehung mit uns selber und anderen «gnädig» sein und positiv und vorwärts gerichtet bleiben. Und dabei kann uns die Auferstehungsbotschaft von Ostern eine besondere Hilfe sein. An Ostern wurde offenbar, dass dort, wo Gott involviert ist, selbst die grösste Katastrophe nicht das Ende sein wird, sondern durch Gottes Geist in ein «neues Werden» münden kann. An Ostern ging es vor allem auch um einen Neuanfang in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Der Auferstandene begegnet den durch die Katastrophe desillusionierten und verunsicherten Jüngern mit einem schlichten und alles sagenden «Friede sei mit euch!». Joh 20,19; Lk 24,36. «Es ist alles gut! Habt keine Angst! Habt keine Schuldgefühle, auch wenn ihr alle versagt hattet, als ich festgenommen wurde. Ich habe euch vergeben. Dies ist jetzt alles unwichtig. Jetzt wollen wir vorwärts schauen und dankbar annehmen, was Gott für uns möglich gemacht hat.» Und nochmals sagt er: «Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich jetzt euch!» Joh 20,21. «Ja, ihr habt recht gehört. Ihr werdet nun eingesetzt, um selber Zeugen zu sein von diesem Gott, der die Welt liebt und sich mit ihr versöhnt hat. Aber ihr müsst keine Angst haben, ich werde euch nicht alleine lassen, sondern begleiten. Ich werde bald nicht mehr sichtbar unter euch sein, dann aber in einer neuen Form wiederkommen und durch den Geist Gottes «in» euch sein und so führen, damit ihr euch sicher und geborgen fühlen könnt. Habt Vertrauen, es ist alles gut und es kommt auch alles gut. Ja, Friede sei mit euch!»

Liebe «vertrauende» Gemeinde

Diese Botschaft von Ostern ist unendlich wichtig. Gott hat sich mit der Welt versöhnt. «Er isch eus nöd bös!» Im Gegenteil, wir dürfen Frieden finden, wenn wir uns auf seine Verheissungen und Versprechen einlassen. Und einlassen bedeutet so viel wie, loszulassen und Vergebung für alles Vergangene anzunehmen und dann zu tun, was er uns zutraut, nämlich anderen in Liebe zu begegnen und für sie da zu sein; auch um durch unser Tun Frieden und Licht in die Welt zu tragen. «Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich jetzt euch!» Jesus sendet auch uns Christen im Embrachertal, um in dieser Welt einen Unterschied machen zu können. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir immer genügend innere Kraft haben werden, wenn wir uns darauf einlassen und dann tun, was wir im Innersten spüren, dass es richtig ist.

Und deshalb dürfen wir zuversichtlich sein, wenn wir uns bewusst im Gebet an Gott wenden und ihn immer wieder neu um Hilfe und seinen Geist bitten, um dann genau das zu tun, was uns unser Herz in jeder Situation zur gegebenen Stunde sagt. So «ausgerüstet» wird auch die Nachcoronazeit keine Überforderung, sondern mit «Leben» durchdrungen sein. Freuen wir uns und Friede sei mit uns allen!

Pfr. Matthias Fürst

PS: Und noch in den Worten von Dietrich Bonhoeffer:

«Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.»

Gedanken zur Woche vom 9. April 2020

Liebe «ausharrende» Gemeinde

«..., aber der Wagen, der rollt!». Ja, es geht weiter und wir «gewöhnen» uns langsam an die ungewöhnliche Ausgangslage. Auch wenn viele Fragezeichen über das «Wie» und «Warum» uns nach wie vor umtreiben können, bleibt uns nichts anderes übrig, als durchzuhalten und zu vertrauen, dass es auch dort Lösungen geben wird, wo wir aus heutiger Sicht keine oder keine mehr zu sehen glauben. Ich denke da vor allem auch an die wirtschaftlichen «Verlierer» der Krise, die um ihre Existenz bangen müssen. Gleichzeitig erfüllt mich aber auch Bewunderung für die Kreativität und innovativen Ideen, die überall zu beobachten sind. Dies gibt Hoffnung, dass unsere zur Zeit gebeutelte Wirtschaft und das gegenwärtig «gespenstisch» anmutende «öffentliche Leben» nach der Krise wieder neu und hoffentlich in gewissen Aspekten auch «gestärkt» daraus hervorgehen werden. Ja, es ist eine unbestritten schwierige Zeit und vieles können wir noch nicht beurteilen. Gerade auch, weil vieles zur Zeit «unsichtbar» bleibt und sehr vieles, wie beim Virus selbst, sich mit vagen «Hochrechnungen» begnügen muss. Und doch ist es teilweise auch eine «klärende» Zeit, die in gewissem Sinne den Spreu vom Weizen trennt. Wir können erkennen, was im Leben wirklich wichtig ist, und auf was auch verzichtet werden könnte. Welche Menschen uns wirklich nahe sind, welche eher weniger. Aber da muss man auch aufpassen und nicht zu schnell Schlüsse ziehen wollen. Je nach Funktion in der Gesellschaft ist die Ausgangslage völlig unterschiedlich. Während die einen rotieren oder auf «Hochform» auflaufen und kaum Zeit für sich selber haben, schwimmen andere in ungebundener Zeit und wissen kaum, wie sie den Tag sinnvoll strukturieren sollen. Es ist auch da noch zu früh, um Bilanz zu ziehen. Wir sind also alle mitten drin im Geschehen, das zur Zeit «von Oben» diktiert wird und irgendwie sinnvoll geschehen «muss». Ja, der Wagen, der rollt... und wir alle «leider» oder vielleicht auch «zum Glück» nicht am Steuer.

Mitten in dieser offenen oder vieldeutigen Ausgangslage, spielt sich aber auch vieles in der Tiefe ab, das Bestand hat und uns Identität und Sicherheit gibt. Unsere Beziehungen, unsere persönliche Geschichte, die unseren Charakter geprägt hat und uns subjektiv «richtig» und stimmig handeln lässt, aber auch unser persönlicher «Glaube», unser gewachsenes Grundvertrauen, das die Erfahrung gemacht hat, dass unter der Oberfläche, der sich ständig verändernden äusserlichen «Ereignisse», immer auch, wie beim Meer, eine ruhige, friedliche und unerschütterliche «Grundmasse» befindet, die nicht nur «träge» ist, sondern auch trägt und verlässlich ist. Wer dies für sich einmal entdeckt hat, kann hier auch mitten in den Stürmen des Alltags, schnell wieder zur Ruhe finden und sich neu mit Kraft füllen lassen. Diese Grundwahrheit gilt auch unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Auch die, die mit Religion oder Gottesglaube gar nichts am Hut haben, können hier zur Ruhe kommen. Dies gehört zur «Grundausstattung», die uns Gott zusammen mit unserem Leben geschenkt hatte. Dass viele Menschen aber dennoch diesen Zugang zur «Quelle» teilweise oder sogar ganz verloren haben, gehört zur Tragik des Lebens und hat damit zu tun, dass wir dazu neigen, unseren «Durst» aus anderen Quellen zu stillen suchen, die nur bedingt «sauber» sind oder abhängig machen von Strukturen, die nicht in der göttlichen Wahrheit gründen. Diese «Entfremdung» oder schleichende Fehlentwicklung weg vom wirklichen und tragfähigen Leben, kann uns dann in solchen Krisenzeiten plötzlich bewusst und damit auch zur Chance werden, indem in uns die Sehnsucht nach Veränderung geweckt wird.

Gott ist gnädig und freut sich über jeden, der sich nach Veränderung sehnt und kommt uns mit seinem lebensbejahenden Geist auch entgegen, wenn wir dies wollen und auch zulassen. Dies war auch die Hauptintention von Jesus gewesen. Er kam als die «Stimme Gottes» in die Welt, um zu bezeugen, dass Gott uns Menschen liebt und uns alles geben möchte, was wir brauchen, um selber mit Hingabe zu lieben und dadurch ein sinnerfülltes Leben zu haben. Es sprach sogar vom «lebendigen» Wasser, das er geben möchte, das in uns zur überfliessenden Quelle auch für andere werden würde (s. Joh 4). Er deckte dabei auch die falschen und versklavenden Strukturen auf, die nur vordergründig halten, was sie versprechen und vor allem auch im perfiden Deckmantel der gesetzlichen Religiosität zur widergöttlichen Entfremdung vom Lebendigen werden können. Und diesen Spiegel ertrugen schon damals die «Mächtigen» nicht und denunzierten ihn, um ihn dann «mehrheitsfähig» aus dem Weg räumen zu können. Ein Mittel, das nach wie vor von den Machttreibenden überall auf der Welt erfolgreich eingesetzt wird. Doch, weil Jesus in Gott gegründet war und seine Wahrheit tiefer war, als die sich ständig verändernden Wahrheiten an der Oberfläche des weltlichen Geschehens, konnte es nicht dabei bleiben. Die Stimme Gottes verstummte nicht. Und dies feiern wir nun an Ostern.

Letzte Woche lud ich dazu ein, wieder einmal in der Bibel zu lesen und die Texte zwischen dem Palmsonntag bis zum Gründonnerstag anzuschauen. Ich hoffe, es hat sich gelohnt, auch wenn ein paar ganz happige Aussagen dabei waren, auch solche, die zum Widerspruch anregen. Vielleicht gibt es auch eine Gelegenheit entstandene Fragen anzusprechen. Ich wäre jederzeit gerne dazu bereit, mitzudenken und gemeinsam darauf Antworten zu finden. Bitte keine Hemmungen, ich würde mich freuen!

Und nun ist es soweit. Heute ist Gründonnerstag. Jesus feierte an diesem Vortag vor seinem Martyrium mit seinen Jüngern sein letztes vorösterliches Zusammensein. Dort gab er ihnen auch mit dem «Abendmahl» ein Erinnerungsritual mit auf den Weg, in welchem auf symbolischer Ebene sichtbar gemacht werden soll, was in der Tiefe durch seinen bevorstehenden Tod, zum Durchbruch gebracht werden würde. Eine Symbolhandlung, die die Jünger erst im Nachhinein verstehen konnten.

Dann beginnt erst die eigentliche Passionsgeschichte. Als kurzer Abriss: Zuerst der innere Gebetskampf Jesu im Garten Gethsemane, dann der Verrat des Judas, die Gefangennahme, der unfaire Prozess, der Schuldspruch vor einer johlenden, manipulierten Volksmasse, die bittere Verleugnung des Petrus, die Geisselung und Vollstreckung der Kreuzigung, und schliesslich der Todeskampf und der Tod am Kreuz. Dadurch, dass dies aber nicht das Ende war, lässt dieses Ereignis zum Angelpunkt der ganzen biblischen Heilsgeschichte werden. Die gesamte bis anhin gültige Bibel, die Heilige Schrift, das Alte Testament, erschien dadurch in einem ganz neuen Licht und musste von Grund auf neu gelesen und interpretiert werden. Ein spannender und
gewinnbringender Prozess, welcher bis heute anhält und immer wieder neue Erkenntnisse zutage bringt.

Liebe «hoffende» und «offene» Gemeinde

Wie letzte Woche möchte ich Sie oder Euch dazu einladen und auch «gluschtig» machen, die Passions- und Ostergeschichte nicht nur zu hören oder sich erzählen zu lassen, sondern selber im Original zu lesen. Und zwar wieder, wenn möglich, in allen vier Evangelien. Dies ist insofern besonders spannend, weil sich diese vier «Urberichte» über das Leben Jesu gerade in der Passionsgeschichte am nächsten kommen und doch im Detail auch interessante Unterschiede aufweisen. Die Ähnlichkeit liegt vor allem daran, dass dieser Teil der Geschichte schon lange vor der Entstehung der Evangelien bekannt war und entsprechend mündlich weitererzählt wurde. Die Unterschiede haben wiederum mit den unterschiedlichen Gewichtungen und persönlichen
Hintergründen innerhalb der damaligen Erfahrungswelten der einzelnen Evangelisten zu tun. Aber auch damit, dass die Evangelien nicht alle gleichzeitig entstanden sind und sie zum Teil voneinander wussten. Das Markusevangelium war das erste. Vieles spricht dafür, dass Lukas und Matthäus es gekannt hatten, nicht unbedingt schriftlich vor sich, oder höchstens in Fragmenten, aber vom Inhalt her. Die Tendenz, Andeutungen bei Markus entsprechend weiterzudenken und auszuschmücken kann dabei gut beobachtet werden. Als kleines Beispiel: Markus erwähnt bei der Kreuzigung beiläufig, dass rechts und links von Jesus noch zwei andere Verurteilte gekreuzigt wurden, die ihn auch verhöhnt hätten (Mk 15,32). Lukas nimmt diesen Hinweis auf und geht näher heran und lässt dann ein Gespräch entstehen, in welchem sich der eine für Jesus einsetzt und das Spotten des anderen rügt. Er bat darauf Jesus um Nachsicht und hört dann die Worte von ihm: «Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein» (Lk 23,35ff). Matthäus erwähnt die beiden Mitgekreuzigten wie Markus kurz und Johannes wiederum gar nicht. Dies nur ein Beispiel. Es gibt viele davon. Manchmal muss man genauer hinschauen, um sie zu entdecken. Weil wir die «gesamte» Geschichte kennen, «hören» wir beim Lesen manchmal Dinge mit, die gar nicht dastehen oder «überlesen» Details, weil sie nicht zum Ganzen, wie wir es zu kennen glauben, reinpassen. Interessant und spannend zugleich. Es lohnt sich genauer hinzuschauen und es
werden immer wieder Ahaerlebnisse entstehen, wenn vermeintliche Hauptaussagen der Passionsgeschichte nur in einem oder zwei der vier Evangelien vorkommen und sonst nicht. Wie zum Beispiel die Worte am Kreuz. «Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun» lesen wir nur bei Lukas und Matthäus und das berühmte Wort: «Es ist vollbracht» kommt nur bei Johannes vor.

Überhaupt geht der jüngste Bericht, der von Johannes, einen besonderen Weg und enthält viele Elemente, die die anderen drei nicht kennen. Wie zum Beispiel die berührende Szene mit der Mutter und dem Lieblingsjünger am Kreuz (Joh 19,25ff). Und schliesslich dann all die Berichte rund um die Auferstehung, die überraschenderweise wieder bei allen vier Evangelien unterschiedlich verlaufen. Dass Jesus auferstanden war, war seit der Auferstehung selber unbestritten Teil der christusgläubigen Gemeinde. Was aber genau im Konkreten geschehen war, scheint interessanterweise unter den ersten Christen kein allgemeiner Konsens gewesen zu sein. Zumindest spiegelt sich dies so in den Evangelien. Alle erzählen unterschiedlich darüber.

Liebe «bibelinteressierte» Gemeinde

Ich würde mich freuen, wenn einige unter Ihnen oder Euch sich auf dieses «Forschen» einlassen würden und bin gespannt auf eventuelle Rückmeldungen. Ich wünsche Euch oder Ihnen allen in dieser besonderen Zeit der «äusserlichen» Trennung trotzdem besinnliche Momente und ein gesegnetes und frohes Osterwochenende inklusive der Tage danach, bei diesem noch wunderbaren Wetter.
B’hüet eu Gott!

Pfarrer Matthias Fürst

Gedanken zu Woche vom 3. April 2020

Liebe «unsichtbare» Gemeinde

Es ist eine aussergewöhnliche Zeit, die herausfordert und uns stark auf uns selbst zurückwirft. Auch brauchten wir alle unsere Zeit, um den ersten «Schock» zu überwinden und einen neuen Rhythmus innerhalb der neuen Grenzen zu finden. Vor allem für die jüngeren und aktions-gewohnten Generationen waren die Einschnitte besonders spürbar. Auch die Überzeugung, dass es wirklich ernst ist und diese Massnahmen «notwendig» sind, brauchte seine Zeit, um sich zu festigen; auch dass nun tatsächlich Solidarität und Zusammenhalt die Gebote der Stunde sind. Und nun kommt langsam die Phase, in welcher die neue «Wirklichkeit» auch als «Alltagssituation» erfahren wird. Auch bei uns als Kirche haben diese Wochen etwas mit uns gemacht. Und nun beginnen sich auch bei uns wieder neue «Regelmässigkeiten» zu bilden. Wir besinnen uns auf die Grundlagen unseres Glaubens. Gerade jetzt in dieser Ausnahmezeit erhalten sie eine neue Aktualität. Was meinte Jesus schon wieder in seiner Bergpredigt, dass wir uns keine Sorgen machen sollten; dass Gott für uns sorgt und wir im «Heute» leben und uns nicht um den morgigen Tag «kümmern» sollen, weil der heutige Tag schon genug Aufgaben für uns bereithält? Was bedeutet dies nun für unser heutiges «Heute», während dieser Zeit des gefühlten «Stillstandes». Wir können nun tatsächlich nicht wirklich planen. Wie es in den nächsten Wochen aussieht, können wir nicht so voraussehen, wie vermeintlich sonst. Wir sind tatsächlich «gezwungen» im heute zu bleiben und abzuwarten. Und erstaunlich ist, dass es tatsächlich mehr als genug im Heute zu erleben gibt. Auch wenn nur digital erreichbar, es sind viele Bekannte und aus dem Blickfeld geratene liebe Weggefährten und Freunde aus früheren Zeiten, die ebenfalls im Heute «festgehalten» bleiben. Dieses «Heute» verbindet plötzlich auf besondere Weise. Die Zeit, die uns durch die «Sorgen» um das Morgen, oft fehlt, ist plötzlich da und kann damit zur Chance werden. «Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage» Mt 6,34. Ja lasst es uns tatsächlich zu Herzen nehmen und die Chance nutzen, um innezuhalten und im Heute zu schauen, was tatsächlich ist. Wer ist in meinem direkten Umfeld? Wem könnte ich heute in seinem Heute begegnen und Leben und Glauben teilen. Lasst uns dabei auf unser Herz hören und uns «leiten» lassen. «Euch soll es zuerst um sein Reich gehen und um seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben.» Und lasst uns vertrauen, dass Gott tatsächlich weiss, was wir brauchen und uns nicht fallen lässt.

Und nun noch eine weitere Erkenntnis. Ausnahmesituation hin oder her, das Leben geht Gott sei Dank trotzdem weiter und tatsächlich steht nun auch schon wieder Palmsonntag vor der Tür. Ja, und in einer Woche ist ja schon Karfreitag und dann Ostern. Gut, dass uns dies wieder bewusst werden darf. Unsere Traditionen sind, wenn auch für einige Wochen im Schatten von Corona verborgen, in Wirklichkeit nicht verschwunden. Und es ist gut, wenn wir uns wieder darauf besinnen dürfen. Auch wenn in unseren Kirchen keine Gottesdienste stattfinden dürfen, läuten die Glocken und laden zur Einkehr ein. Erinnern wir uns, was am Palmsonntag geschah. Ein eindrückliches Bild, als Jesus tatsächlich bei seinem Eintreffen in Jerusalem von einer Menschenmenge freudig willkommen geheissen und wie ein König gefeiert wurde. Eine ausgelassene Freude und Hoffnung, dass mit diesem Messias Gott endlich in die Geschichte eingreifen wird. Nichts deutete darauf hin, dass diese Begeisterung in so kurzer Zeit kippen könnte. Noch waren die Erwartungen hoch und die Gläubigen fühlten sich bestätigt, dass sie auf der richtigen Seite stehen, und dass dieser Jesus bald umsetzen wird, was dringend getan werden sollte, nämlich das Volk vom Joch der Römer zu befreien. Doch diese Erwartungen schienen sich nicht zu erfüllen. Jesus liess sich nicht instrumentalisieren, sondern predigte ihnen ins Gewissen und klärte sie über die zwiespältigen Wahrheiten ihrer eigenen Herzen auf. Nicht allen war dies angenehm. In den Evangelien läutet dieser Einzug in Jerusalem tatsächlich eine Art «Feuerwerk an Mahnungen» ein. Es ist nicht mehr der Jesus der Wunder und Zeichen, der liebe Menschenfreund, sondern der Jesus, der tatsächlich sagt, was Sache ist und den Finger auf die wunden Punkte legt. Der Jesus, der auch unangenehme Wahrheiten thematisiert und seinen Jüngern und damit auch uns allen etwas zumutet. Es lohnt sich, diese eher weniger vertrauten Teile der Evangelien wieder einmal zu lesen, das predigende Wirken von Jesus zwischen dem Palmsonntag und der Gefangennahme in Gethsemane am Gründonnerstag. Während die eigentliche Passionszeit bei allen vier Evangelien sehr ähnlich beschrieben wird, sind die Inhalte davor überraschend unterschiedlich, auch unterschiedlich lange. Es lohnt sich, sich diesen eindrücklichen Belehrungen an der Seite Jesu, die uns die vier Evangelien je in ihrer persönlichen theologischen Gewichtung eindrücklich entfalten, wieder einmal auszusetzen und auf sich wirken zu lassen. In diesen Texten kommt wie kaum wo sonst in den Evangelien, die Ernsthaftigkeit unserer persönlichen Haltung ins Spiel. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, es kommt nicht auf das Äussere an, sondern auf das Innere, letztlich auf unsere Herzenshaltung.

Ich möchte uns alle ermutigen, die Gelegenheit zu nutzen, um wieder einmal in der Bibel zu lesen. Ein bisschen forschen in den Evangelien und vergleichen. Der Einzug von Jesus in Jerusalem wird in allen vier Evangelien geschildert und ab dann könnten wir in allen vier Evangelien weiterlesen bis zu dem Punkt, wo die sogenannte Passionsgeschichte beginnt. Mit dem Passamahl an Gründonnerstag, an welchem Jesus schliesslich das «Abendmahl» austeilt. Hier sind die ent-sprechenden Bibelstellen: Mt 21-25; Mk 11-13; Lk 19,28 – 21,38; Joh 12-17 (im Johannes-evangelium sollten die sog. Abschiedsreden (ab Kapitel 14) miteinbezogen werden, weil Jesus hier viel Essentielles seinen Jüngern weitergibt. Und vor allem auch viel Hoffnung und Trost.)

Mit dieser Vorbereitung wünsche ich uns allen, dass wir dann die Passionsgeschichte mit dem anschliessenden Auferstehungsereignis wieder in einem neuen Licht sehen und erfahren dürfen.

Alles Liebe und Gottes reichen Segen wünsche ich uns allen und ein nachhaltiges Leben im «Heute»!

Pfr. Matthias Fürst

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