Geschichte zur Woche

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Geschichte zur Woche vom 29. Mai 2020

Kapitel IX

Als Felix mit Küsche hinüber zur Wirtsstube ging, schaute er herum und überlegte sich, wie dazumal, als die Kapelle eingeweiht wurde, der Friedhof wohl ausgesehen haben könnte. Ohne es zu merken, hielt er inne und zeichnete mit seinem rechten Zeigfinger imaginäre Grabreihen nach. Da ja in jener Zeit Erdbestattungen üblich waren, dachte er sich, müssten hier unten im Boden viele Gebeine gelegen haben – auch jene von Margrits Bruder, von dem er den Namen nicht mehr wusste, obschon er ihn vor zwei Wochen auf dem Totenschein gelesen hatte.

Küsche hatte bereits leicht die Türe zu seinem Restaurant aufgestossen, als er realisierte, dass Felix stehen geblieben war und gedankenversunken mit seinen Augen, begleitet von ordnenden Gesten, das Kirchlein und sein Gelände musterte. Also schlich sich Küsche von hinten an Felix heran und klopfte ihm auf die Schultern mit den Worten: „Was denkst du gerade?“ Felix erschrak; daraufhin liess er Küsche an seinen Überlegungen teilhaben: „Interessant, dass die Kapelle mit einer Mauer umfriedet ist, obwohl die Gräber schon längst aufgehoben sind und zwischenzeitlich gar keine mehr dastand, wenn denn der Holzschnitt an der Wand in deiner Wirtschaft historisch korrekt ist. Und dann erwog ich noch, wo das Apfelbäumchen von Margits Bruder gestanden haben könnte. Wie hiess er eigentlich?“

Küsche antwortete brav: „Der hiess Markus, genau wie ich! – Tatsächlich wurde hier erst vor circa 30 Jahren im Zuge von Renovationsarbeiten auf Anordnung des Denkmalschutzes am Orte der ursprünglichen Mauer eine neue errichtet.“ „Ach so“, entfuhr es Felix, „Küsche kommt von Markus; das ist ja interessant, dass ihr denselben Namen habt. Du, nochmals wegen er Mauer: Dann müsste es doch alte Pläne geben, auf denen diese eingezeichnet ist. Wäre doch noch spannend zu schauen, ob darauf auch ein Bäumchen skizziert ist. Dann wüsstest du, an welcher Stelle dein ‚Ururonkel‘ begraben ist.“

„Ja, ich glaube wir haben eine solche Kopie hier oben. Das Original ist bestimmt bei unserer Dorfkirche im Archiv. Aber wohin hat man bloss die Kopie getan?“ Küsche überlegte ein Weilchen, bis es ihm wieder in den Sinn kann: „Klar, die müsste auch unten in der Abstellkammer des Turms sein, wo wir vorhin waren. Da gibt es einen kleinen Aktenschrank. Ich gehe mal schauen. Warte hier, ich bin gleich wieder zurück!“

Doch wer als erstes zu Felix kam, war seine Frau Judith: „Wo bleibt ihr beide denn so lange? Christina und Samuel haben etwas Freudiges zu berichten. Wo ist Küsche überhaupt? Wir haben für euch vorsorglich schon bestellt, weil ein so reger Betrieb herrscht. Ich weiss ja, dass du den Kartoffelstock mit Hackbraten liebst. Und Küsche offenbar auch, wie die Service Angestellte Petra meinte.“ „Entschuldige bitte, Judith. Wir wollten wirklich nicht trödeln. Aber wenn ihr schon bestellt habt, dann ist es auch nicht so schlimm, wenn wir nochmals zwei Minuten länger brauchen.“ Und so erzählte Felix, was Küsche gerade in Erfahrung bringen wollte.

Und da kam er auch schon in leichtem Trab ihnen entgegen und strahlte über beide Ohren: „Felix, du hattest den richtigen Riecher. Auf diesem Plan ist ein einzelnes Bäumchen in der südwestlichen Ecke des ehemaligen Friedhofs eingezeichnet.“ Er breitete den Plan auf dem Boden vor Felix und Judith aus und zeigte auf die besagte Stelle. Plötzlich wurde er für einen Moment ganz still und fragte dann in leisem Ton: „Weshalb wurde das in meiner Familie nicht weitererzählt, dass hier Markus bestattet wurde? Seine Todesbescheinigung bewahrten sie auf, aber sein Bestattungsort ging vergessen, das ergibt doch keinen Sinn?“ „Na ja“, meldete sich Judith zu Wort, „wenn ich mein Kind so verloren hätte, ich hätte es, glaube ich, auch nicht ertragen können, täglich vor der eigenen Haustür nicht nur seinen Todesort zu sehen, sondern auch noch wie Menschen an sein Grab kämen. Indem sie die Todesurkunde aufbewahrten, nahmen sie ihr Schicksal ja an, zugleich mussten sie quasi im eigenen Garten nicht immer durch andere Menschen daran erinnert werden. Nur sie kannten den Bestattungsort unter dem Apfelbäumchen.“

Inzwischen war der Pfarrer herangetreten und quittierte die Erklärung von Judith mit der Aussage: „Leider steht das Apfelbäumchen nicht mehr“. Nachdem er dem letzten der Gottesdienstbesucher die Hand geschüttelt hatte, wollte er wissen, mit wem sein Sigrist sich so engagiert unterhielte. Er hatte gerade so viel mitbekommen, dass er sich ein Bild dazu machen konnte, und fügte noch hinzu: „Küsche, als Alpwirt und Sigrist ist das hier doch wirklich wie dein Garten. Pflanz doch ein neues Apfelbäumchen! Meinen Segen hast du jedenfalls.“ Küsche puffte seinem Pfarrer freundschaftlich in die Seite und entgegnete auf seine Idee: „Das will ich machen.“

Mittlerweile kamen auch Kari, Fritz und Hanna sowie Samuel und Christina hinaus, um zu sehen, was es denn hier so Wichtiges zu besprechen gäbe. Sie sahen nämlich vom Tisch aus, wie der Gesprächskreis immer grösser wurde. Schnell wurden sie von Felix mit allem Wissenswerten aufdatiert. Da fragte Fritz den Pfarrer: „Ist es für Sie nicht ein seltsames Gefühl, auf einem ehemaligen Gräberfeld zu predigen?“

„Nein. Im Mittelalter war es bestimmt auch hier üblich, fröhliche Feste zu feiern. Die ‚Chilbi‘ feierte man damals nämlich um die Kirche herum, zwischen den Gräbern. Vielleicht sollte ja die gefühlte Nähe zu den Ahnen übertriebene Ausschweifungen verhindern. Das Wort ‚Chil-bi‘ wurde ja aus ‚Chile‘ abgeleitet, ebenso wie im Hochdeutschen das Wort ‚Kir-mes‘ aus ‚Kirche‘ genauer gesagt aus ‚Kirchweihfest‘. Denn darum ging es, dass man, wenn sich die Weihe der Kirche zum wiederholten Male jährte, zusammen feierte.“

„Das passt ja“, bemerkte Christina augenblicklich, „die Kapelle hier wurde ja an Ostern eingeweiht. So gesehen befinden wir uns in der ‚Chilbi-Woche‘. Der feierliche Gottesdienst hat ja ein wenig Volkfestcharakter, fehlten nur die Bahnen und Stände.“ „Ich bin ja auch so schon ganz angetan“, schmunzelte der Pfarrer, „doch wie sind wir eigentlich darauf gekommen?“ Er schaute zu Fritz hinüber, der ihm sogleich auf die Sprünge half: „Ich fragte nur danach, wie es für Sie ist, auf einem ehemaligen Gräberfeld zu predigen.“

„Ja, genau. Weil Sie ‚predigen‘ sagten, ist mir noch eine Assoziation gekommen“, setzte der Pfarrer wieder ein. „Für Pfingsten habe ich mir nämlich als Predigttext eine Passage aus dem Kapitel 37 des Prophetenbuches Ezechiel vorgenommen. Darin weissagt Ezechiel auf dem Feld verstreuten Gebeinen den Geist Gottes, dass der in ihnen wieder Leben entfachen würde. So gesehen bin ich nicht der erste, der an einer Stätte, die mit Gebeinen verbunden ist, vom Geist Gottes spricht, der gemeinschaftliches Leben wirkt.“

„Was hat denn das mit Pfingsten zu tun“, fragte Samuel nach. Diese Steilvorlag nahm der Pfarrer natürlich gerne an: „Ezechiel verhiess dem Volk Israel, nachdem es durch die Zerstörung seines Könighauses und seines Tempels sowie der Deportation wichtiger Leute durch die Babylonier scheinbar auf dem Schlachtfeld der Geschichte liegengeblieben war, dass Gottes Geist seine Gemeinschaft wieder beleben würde und es eine Zukunft im eigenen Land hätte, was dann auch eintreffen sollte. Und der Geist Gottes war es auch, der gut sieben Wochen nach der Kreuzigung von Jesus seine – trotz der österlichen Auferstehungshoffnung – totgesagte Gemeinschaft wiederbelebte, indem die Jünger an einem Pilgerfest in Jerusalem nun als Apostel auftraten und die unterschiedlichsten Menschen für die christliche Gemeinschaft, die wir heute Kirche nennen, begeistern konnten. So jedenfalls wird das Pfingstwunder in der Apostelgeschichte, Kapitel 2, geschildert. Jetzt habe ich aber genug referiert. Nun zu euch: Was seid denn ihr für eine Gruppe? Vielleicht gibt es ja in eurer Gemeinschaft auch etwas Wunderbares, etwas mit einer erfüllenden Wirkung, zu berichten.“

„Wir sind ein bunt gemischter Haufen, der sich vor zwei Wochen hier kennenlernte“, begann Kari zu erklären. „Ich rekognosziert eine Wanderung für meine Wandergruppe und traf dabei Fritz, der dasselbe für seine Gruppe unternahm. Wir kehrten dann gemeinsam bei Küsche ein. Und im Laufe des Abends setzten wir uns zu Judith und Felix, und mit uns auch gleich Christina und Samuel.“ Während seiner Kurzzusammenfassung zeigte Kari jeweils auf die genannte Person, damit sich der Pfarrer ein Bild machen konnte.

„Und jetzt habt ihr euch für heute verabredet, wie sich sehe“, fragte der Pfarrer nach. „Ja, wir haben dazu eingeladen und Fritz hat noch seine Partnerin Hanna mitgenommen“, antwortete Christina. „Gibt es denn etwas zu feiern“, fragte der Pfarrer abermals. Christina zwinkerte Judith zu, die aber nicht gleich verstand, was von ihr erwartet wurde. Deshalb stotterte sie einfach mal los und, weil sie gerade Küsche im Blick hatte, begann sie einfach mal mit seiner Situation: „Ich glaube, Küsche ist heute in Feierlaune, weil nun die Geschichte seiner Familie aufgearbeitet ist und er ein neues Apfelbäumchen pflanzen will, damit diese weiterhin schöne Früchte trägt.“

Christina machte zu Judith mit ihrem Zeigfinger eine Geste, die ans Wählen bei den alten Drehtelefonen erinnerte, und eindeutig so zu verstehen war, dass sie doch weitererzählen solle. Also betrachtete sie die neben Küsche stehenden Personen und stotterte weiter: „Ich glaube, Kari und Fritz sind zum Feiern aufgelegt, weil sie ab heute nicht mehr alleine ihre Wanderungen auskundschaften müssen, sondern das zu zweit machen können.“ „Ah, gute Idee“, rief Fritz dazwischen, „Kari, dann musst du dir auch nicht mehr alleine Sorgen machen, ob jeder aus deiner Gruppe die Wanderung meistern könnte!“ Kari hielt freudig seinen Daumen hoch, um sein Einverständnis zu deklarieren.

Doch offenbar war Christina, die ihre Drehgeste wiederholte, immer noch der Meinung, Judith solle weitererzählen. Jetzt dämmerte es Judith, um was es Christina ging: „Ach so! Ich dachte, das möchtest du selber erzählen. Im Restaurant habt ihr ja uns den Grund eurer Einladung auch anvertraut. Das muss dir nicht unangenehm sein. Wenn jemand Verständnis dafür hat, dann bestimmt der Herr Pfarrer; und so erfahren es Felix und Küsche auch gleich.“

So nahm Christina ihren Mut zusammen: „Ja, es sieht so aus, als ob Samuel und ich doch noch Eltern werden dürfen. Es ist eigentlich schon alles geklärt, dass wir fest ein Pflegkind aufnehmen können. Für ihn haben wir in der Kirche auch eine Kerze angezündet. Wir warten nur noch auf die endgültige behördliche Bestätigung, die jeden Moment eintreffen dürfte.“

„Das ist ja wirklich ein wunderbarer Anlass, um gemeinsam zu feiern. Ist es dann ein Junge oder ein Mädchen“, zeigte sich der Pfarrer interessiert. „Ein Mädchen“, sagte Samuel, dessen Handy in diesem Augenblick einen einzelnen Klingelton von sich gab. „Stell jetzt endlich dein Handy auf lautlos“, fuhr ihn Christina an, „wir kriegen den Behördenbescheid sicherlich nicht an einem Sonntag, auch wenn er uns als Vorankündigung per Mail zugestellt wird.“ „Stimmt schon“, gab ihr Samuel Recht. „Es war nur ein belangloses E-Mail. Ich stelle jetzt mein Handy ab.“ Hanna hielt ihn aber noch davon ab: „Hast du schon in deinem Spamordner nachgeschaut. Manchmal, wenn Dokumente angehängt sind, landen sie doch versehentlich dort.“ „Nein, gute Idee! Daran hab ich gar nicht gedacht. Bis jetzt klappte der Mailverkehr tadellos. Ich schau noch kurz nach“, sagte Samuel. Und tatsächlich, da war etwas am späten Freitagnachmittag versendet worden, das die erwartete Meldung beinhalten könnte. Er öffnete den Anhang und überflog ihn konzentriert. Dann ballte er die Faust und schrie: „Ja!“ Er umarmte Christina, der eine Träne über die Wange kullerte.

Spontan applaudierte die anwesende Runde und der Pfarrer beglückwünschte sie als erster: „Ich gratuliere! Wenn das nicht ein Freudentag ist!“ Die anderen wollten es ihm gleichtun, da öffnete sich die Türe des Gasthauses und Petra trat heraus: „Essen ist da!“ Samuel musste nicht lange überlegen und verkündete voller Begeisterung: „Kommt, wir wollen gemeinsam feiern! Ihr seid heute unsere Gäste! Was gibt es Schöneres, als eine frohe Kunde miteinander zu teilen!“

*Ende*

Pfr. Stefan Rathgeb

 

Geschichte zur Woche vom 22. Mai 2020

Kapitel VIII

Nun war es soweit. Der Pilgergottesdienst am Sonntag nach Ostern stand an, zu dem Küsche eingeladen hatte. Und es kamen alle: Da waren der gewissenhafte Wanderführer Kari und sein neuer Wanderfreund Fritz, der seine Partnerin Hanna mitbrachte, weiter das ältere Ehepaar Judith und Felix, die extra den Ausflug mit der Familie ihrer Tochter in den Zoo verschoben hatten, und das jüngere Ehepaar Christina und Samuel, die voller Hoffnung waren, schon bald ein Pflegkind zu bekommen und so zu einer kleinen Familie zu werden.

Sie alle staunten nicht schlecht, als sie sahen, wie viele Familien in diesen Gottesdienst pilgerten. Viele kamen tatsächlich von der katholischen Pfarrei, aus der sich seit dem Mittelalter Menschen auf den Weg zum Kloster machten, zu welchem sie dazumal gehörten; allerdings hatte es sich in der neueren Zeit so eingebürgert, dass für die meisten der Pilgerweg hier endete und sie nach dem Gottesdienst wieder in ihr Dorf zurückkehrten, während der kleinere Teil von ihnen Richtung Kloster aufbrach.

Wie es Brauch war, nahmen die Pilger ihr an Oster geweihtes Wasser mit und übergaben es Küsche, der ja als Sigrist amtete. Er nahm es entgegen und goss es sorgfältig in das Weihwasserbecken. Das war für alle, die sich schon vor der Kirche eingefunden hatten, das Zeichen, dass man sich hineinbegeben konnte. Küsche beschrieb seinen Bekannten, auf welchem Kirchenbank er für sie reserviert hätte und dass dort bestimmt alle sieben Platz fänden. Es wäre gleich neben seinem Sigristenplätzchen, wohin er sich begeben würde, sobald die Orgel ertönte.

So gingen sie hinein, wobei Judith sich mit dem Weihwasser bekreuzigte. Dabei wandte sich Felix zu Küsche: „Bist du wirklich sicher, dass dieses Becken aus dem Mittelalter stammt? Es macht für mich einen erheblich jüngeren Eindruck.“ Küsche war allerdings mit den hineinströmenden Gottesdienstbesuchern beschäftigt und sagte verständlicherweise zu Felix: „Das können wir nach dem Gottesdienst besprechen. Geniess doch jetzt die Feier.“

Nachdem das Eingangsspiel der Organistin beendet war, begrüsste der Pfarrer die Orts- und die Pilgergemeinde. Traditionell zitierte er dabei die Verse 1 und 7 aus dem Psalm 27, mit denen er ausdrücklich jene Gottesdienstbesucher willkommen hiess, die gekommen waren, um für Schwangere und getaufte Säuglinge um Gottes Beistand zu bitten und dabei eine Kerze anzuzünden: „Der Herr ist mein Licht und meine Rettung, vor wem sollte ich mich fürchten? Höre, Herr, mein lautes Rufen, sei mir gnädig und erhöre mich.“

Weil Küsche dieses Bibelwort jedes Jahr zu hören bekam, wusste er nur zu gut, dass vom zitierten Wort „Höre“, mit welchen der zweite Vers einsetzte, der Sonntag vor Pfingsten seinen lateinischen Namen „Exaudi“ erhalten hatte. Küsche konnte nicht anders und flüsterte das seinen Banknachbarn entgegen. Felix, der zufälligerweise direkt neben ihm sass, erwiderte ihm daraufhin trocken: „Geniess doch jetzt die Feier“, und tätschelte ihm dabei freundschaftlich den Oberschenkel.

Als es schliesslich soweit war und, wer wollte, nach vorne gehen konnte, um eine Kerze anzuzünden, erhoben sich auch Samuel und Christina. Es war für sie ein bewegender Moment, als sie ein schmales Kerzchen gereicht bekamen, dessen Licht der Osterkerze entnommen worden war, und dieses Licht einer noch unberührten Kerze überreichten. Voller Hoffnung dachten sie dabei an das kleine Mädchen, dass schon bald zu ihnen stossen dürfte und baten Gott darum, dass das auch so kommen möge.

Währenddessen nahmen auch Felix und Judith ihre Enkel ins Gebet, die sie auch schon bald sehen würden; und viele in der Kapelle handhabten das in ähnlicher Weise wie sie. Auch wenn Küsche das schon unzählige Male miterlebt hatte, so war es für ihn doch jedes Mal wieder ein besonderer Moment, wenn alle andächtig in Gedanken bei ihren Liebsten waren.

Plötzlich kam ihm, was ihm so zuvor noch nie passiert war, das Schicksal des Jungen vor Augen, der kurz vor der Einweihung der Kirche verunglückt war. Vielleicht war es deswegen, weil Küsche vor zwei Wochen darüber so ausführlich aus seiner Familiengeschichte erzählt hatte. Doch als dann die Gemeinde in ein Lied einstimmte, verflog bei ihm der Anflug von Trübsinn wieder.

Am Ende des Gottesdienstes begab sich Küsche zusammen mit dem Pfarrer zur Kirchentür und verabschiedete artig alle, die sich hinausbegaben. An ihm schritt, als einer der letzten, Felix vorbei, den er zur Seite nahm und sagte: „Du, als in der Kirche die Kerzen angezündet wurden, ist mir etwas in den Sinn gekommen, das ich dir zeigen möchte. Warte kurz!“ Daraufhin blickte Küsche zu den anderen sechs Gästen, die zusammenstanden und auf sie beide warteten, und rief ihnen zu: „Geht schon mal ins Restaurant. Der runde Tisch ist für euch reserviert. Petra wird euch bedienen. Felix und ich kommen gleich nach.“ Während diese nun zur Wirtschaft hinübergingen, machte sich Küsche mit Felix daran, die mittelalterliche Turmtreppe hinunterzusteigen.

„Hier unten hat es eine Kammer, in der ich schon lange nicht mehr war,“ erzählte Küsche. Er sperrte die Tür auf und trat mit Felix in einen Raum, der sich getrost als Rumpelkammer bezeichnen liess. „Solltest du recht haben und die Innenausstattung der Kapelle ist gar nicht so alt, wie ich glaubte, dann könnte es doch sein, dass hier drinnen noch kirchliche Gerätschaften aus der Zeit des Mittelalters herumliegen.“

Felix stöberte ein wenig umher und hielt dann voller Stolz ein uraltes kleines Becken in die Höhe: „Wer weiss, vielleicht ist das die originale Weihwasserschale der Kapelle!“ Küsche wollte es jetzt natürlich genau wissen: „Woher kennst du dich denn so genau aus mit derart alten Kirchengeräten?“ Felix antwortete: „Es ist ja nur eine Vermutung von mir, ich bin kein Experte. Aber ich fertige als Hobby aus Schmiedeeisen Kunstgegenstände und durfte auch schon für die eine oder andere Kirche etwas kreieren. Dabei bekommst du mit der Zeit ein Gefühl, ob die Inventarstücke zusammenpassen oder aus verschiedenen Epochen stammen. Ich könnte dir jetzt nicht sagen, in welcher Zeit das jetzige Weihwasserbecken hergestellt wurde, ich habe einfach den Eindruck, dass es jünger ist als der Rest der Ausstattung.“

Felix entdeckte hinter all dem Gerümpel noch eine Tasche, deren Form den Anschein machte, als ob darin Bücher wären. Als Felix fragte, ob er mal reinschauen dürfte, meinte Küsche lapidar: „Klar, das sind, glaube ich, nur eine alte Bibel und Gesangsbücher von früher.“ Neugierig nahm Felix einen Augenschein. Küsche hatte schon Recht, aber da war noch mehr. Ein Buch stach heraus, in dem Felix sogleich zu blättern begann. „Du, Küsche,“ sagte er nach einer Weile aufgeregt, „darin hat es datierte Protokolle aus der Anfangszeit der Kapelle. Vielleicht hatten sie das Buch noch eine zeitlang hier belassen und dann vergessen, es zusammen mit anderen Büchern im Dorf unten zu archivieren. Keine Ahnung, ich bin ja kein Historiker. Möchtest du selber mal reinschauen?“

Küsche musste sich nicht zweimal bitten lassen. Und tatsächlich! Er fand eine Notiz über den Bruder von Margit, seiner direkten Vorfahrin. Küsche konnte die alte Schrift nur teilweise entziffern, was er aber erkennen konnte, war unmissverständlich. Der Bube wurde auf dem Friedhof bestattet. Die Gräber lagen damals rund um die Alpkapelle. Ein Hinweis hob aber das Ungewöhnliche daran hervor: Man vergrub ihn auf Wunsch der Angehörigen ohne Grabstein. Über die Beweggründe dazu, war nichts zu lesen; bestimmt hatte es mit ihrer Trauerverarbeitung zu tun. Was aber dort stand, war folgendes: „Der Apfelbaum auf dem Friedhof, der stets schöne Früchte trägt, solle sein Grabstein sein dürfen.“

Küsche erleichterte es ungemein, dass dieses offene Kapitel seiner Familiengeschichte nun geklärt war. Er schlug das Buch zu und sagte zu Felix: „Das hat solange hier geruht, dann kommt es um eine Stunde mehr oder weniger auch nicht mehr drauf an. Lass uns zu den anderen in die Wirtsstube gehen. Die warten bestimmt schon auf uns.“

Was in der Runde am grossen Tisch so alles erzählt wurde, werde ich gerne beim nächsten Mal erzählen.

Pfr. Stefan Rathgeb

 

Geschichte zur Woche vom 15. Mai 2020

Kapitel VII
Christina und Samuel verbrachten Ostern zusammen mit ihren Eltern. Diese schätzten die gemütliche Runde, nachdem sie die Tage zuvor in den Genuss ihrer Enkel gekommen waren. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern waren Christina und Samuel kinderlos geblieben. Sie hätten sich schon eigene Kinder gewünscht, doch es hatte nicht sollen sein.

Und dennoch waren sie in den letzten Wochen, was dieses Thema anbelangte, etwas aufgeregter als sonst. Mit den Eltern mochten sie an diesem Sonntag nicht darüber reden, es war noch zu wenig spruchreif, was sich anbahnte. Es zeichnete sich nämlich ab, dass sie ein Pflegkind bekommen könnten, das nach den Sommerferien frisch in den Kindergarten kommen würde. Die letzten Formalitäten mit den Behörden standen noch aus, aber es machte den Anschein, dass es eine dauerhafte Regelung geben würde.

Speziell die Eltern von Samuel zeigten sich beim Thema Nachwuchs eher reserviert. Sie würden sich dann schon mit ihnen freuen, wenn es klappen würde, da waren sich Samuel und Christina sicher. Doch sie waren selber noch angespannt genug, um jetzt irgendwelche Krämpfe seiner Eltern lockern zu wollen. Es waren auch so schöne Ostern zu sechst, und es gab ja auch genügend andere Themen, die gerade die ältere Generation beschäftigte.

Am Wochenende davor waren Christina und Samuel noch unter sich gewesen und hatten genügend Zeit gehabt, ihre Sorgen und Wünsche miteinander auszutauschen. Sie freuten sich ja, aber solange nichts definitiv war, blieb einfach noch eine Restunsicherheit. Was, wenn die leiblichen Eltern doch noch nicht ganz raus wären? Was, wenn sich alles doch noch länger hinzöge? Solche Fragen gingen ihnen immer wieder durch den Kopf. Und deshalb hatten sie sich am letzten Sonntag spontan dazu entschlossen, eine kleine Wanderung zu machen, um etwas durchzulüften.

Sie wohnten im Dorf unterhalb von Küsches Alp und gehörten zur selben Gemeinde wie er. Schon öfters waren sie in seinem Restaurant eingekehrt und kannten den Weg hinauf und hinunter gut. Allerdings war es an diesem denkwürdigen Sonntag das erste Mal gewesen, dass sie sich unter die Leute der Gaststube gemischt hatten. Als Kari aufgestanden war und sie eingeladen hatte, rüber an den runden Tisch zu den anderen Gästen zu sitzen, hatten sie schon geahnt, dass dies eine willkommene Abwechslung sein dürfte. Dass es dann so launig wurde, hatte aber auch sie überrascht.

Besonders was Küsche von dem Pilgerbrauch erzählt hatte, war in ihren Köpfen hängen geblieben. Dass man in der Kapelle nebenan am Sonntag nach Ostern die Tradition pflegte, für Schwangere und getaufte Säuglinge eine Kerze anzuzünden und für sie um Gottes Beistand zu bitten, hatten sie von Küsche zum ersten Mal gehört. Davon hatten sie sich in ihrer Situation direkt angesprochen gefühlt und, ohne Worte darüber zu verlieren, war für sie beide klar gewesen, dass sie diesen Gottesdienst besuchen wollten.

An jenem Abend hatten Christina und Samuel zu den anderen noch nicht über ihre Beweggründe sprechen mögen. Deshalb hatten sie sich auch sehr gefreut, dass so viele in der Runde gleich zugesagt hatten, zwei Wochen später ebenfalls zum Gottesdienst zu kommen und anschliessend in der Alpwirtschaft einzukehren. Dann wäre die Gelegenheit passend, um die anderen an ihren Zukunftswünschen teilhaben zu lassen. Und vielleicht hätte sich bis dahin ihre Situation auch schon etwas mehr geklärt. Mit diesen Gedanken hatten sie sich im Dunkeln – einer Nachtwanderung gleich – wieder auf den Heimweg gemacht.

Das war nun bereits wieder sieben Tage her. Jetzt aber war das junge Ehepaar fest in die Unterhaltung mit ihren Eltern einbezogen. Es konnte sich ganz gut darauf einlassen, da sie ja wussten, wo sie in einer Woche ihr persönlichstes Anliegen vorbringen konnten. Sie schätzten
die Zeit mit ihren Eltern, die sich stets gut um sie gekümmert hatten und sich nun gerne von ihnen mit Kaffee und Kuchen bewirten liessen. Und als sie sich schliesslich voneinander verabschiedeten, blickten alle zufrieden auf einen gemütlichen Sonntagnachmittag zurück.

Am Ostermontag mussten Christina und Samuel nicht zur Arbeit gehen und widmeten sich ihrem Haushalt, den sie schon länger entrümpeln wollten. Wer weiss, wann sie das nächste Mal dafür in Ruhe Zeit hätten? Wie das so ist, fiel dabei Samuel sein Konfirmationsbild in die Hände. Es war ein Ausschnitt aus einem Kirchenfenster und zeigte einen Kopf, der von einer Hand eines Mitmenschen gehalten wurde und von dessen anderen Hand eine Schale mit Wasser zur Stärkung gereicht bekam. Samuel hatte es schon lange nicht mehr betrachtet. Und zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die Wasserschale einem tragbaren Taufbecken ähnelte. Hiess der kommende Sonntag nicht: „Wie die getauften Kinder“, ging es ihm durch den Kopf. So irgendwas hatte doch Küsche erzählt gehabt.

Jetzt wollte er es genau wissen und schaute ebenfalls im Internet nach. Tatsächlich fand er eine Seite, auf der die Sonntage nach Ostern beschrieben waren. „Ah“, realisierte er, „ich war nahe dran. ‚Wie die neugeborenen Kinder‘ lautet der Name. Wer kann sich sowas schon merken.“ Er lass dann auch gleich die Namen der nächsten Sonntage durch. Bei „Rogate“, blieb er hängen, was so viel wie „bittet“ oder „betet“ bedeuten würde; denn nebst dem Namen waren auch einige Bibelsprüche aufgeführt, die anscheinend für diesen Sonntag Verwendung finden könnten, und einer daraus kam ihm bekannt vor:

„Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan“ (Lukas 11,9). War das nicht sein Konfspruch? Er stöberte weiter in seinen Unterlagen und wurde wirklich fündig. Die Konfurkunde hatte er auch aufbewahrt und wahrhaftig, da stand eben dieser Bibelvers darauf. Gedankenversunken las er für sich den Anfang laut vor: „Bittet, so wird euch gegeben.“ –

Er war schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen. Die eigene Konfirmation dürfte einer seiner letzten Gottesdienste gewesen sein. Tatsächlich öffnete sich ihm jetzt eine Tür in eine neue Welt, auch wenn er das nicht richtig fassen konnte. Nach ein paar Momenten der inneren Betrachtung, schüttelte er sich kurz und ging zu Christina, um ihr seinen Fund zu zeigen. In beiden kam ein Gefühl tiefer Verbundenheit auf; und auch ein Gefühl von Gelassenheit. Und so dachten sie freudig an den kommenden Sonntag, wo sie zum ersten Mal als Paar in die Kirche gehen wollten – sie hatten nur standesamtlich Hochzeit gefeiert – und ihre neuen Bekannten wieder sehen würden.

Und wie das Wiedersehen vonstatten ging, werde ich nun tatsächlich im nächsten Kapitel erzählen.

Pfr. Stefan Rathgeb

 

Geschichte zur Woche vom 8. Mai 2020

Kapitel VI

Judith und Felix starteten auch gut in die neue Woche. Beide konnten in Ruhe ausschlafen, da die Buchhandlung, in der Judith arbeitete, am Montag geschlossen hatte und Felix ohnehin pensioniert war. Sie genossen diese Tage, da sie gemächlich in trauter Zweisamkeit die Woche beginnen konnten. Als erstes wollten sie sich darüber klar werden, ob sie übernächsten Sonntag den «runden Tisch», wie er sich am Vorabend zusammensetzte, doch noch komplettieren sollten.

Jenen Sonntag hatten sie nämlich bereits völlig verplant: Am Morgen, und das war für sie unumstösslich, würden sie in ihrer Kirche mit ihrem Chor auftreten. Das war eine lange Tradition in ihrem Wohnort. Der gemischte Chor sang stets an Ostern in der evangelischen Kirche und am Weissen Sonntag zur Erstkommunion in der katholischen Kirche. Sie liebten diese Gottesdienste auch deswegen, weil sie so in beiden Kirchgemeinden, denen sie angehörten, mitfeiern konnten – Judith war katholisch, Felix evangelisch. Gewöhnlich sass der Chor nach dem zweiten Gottesdienst beim reichhaltigen Apéro im katholischen Pfarreizentrum noch lange zusammen, was für alle Sängerinnen und Sänger einfach dazugehörte.

Natürlich hätten Judith und Felix für einmal auf den Apéro verzichten können. Aber wie das so ist, sie hatten zudem im Anschluss daran bereits mit der Familie ihrer Tochter abgemacht, in den Zoo zu gehen. Wollten sie nun aber in der Alpwirtschaft zu den anderen frisch Bekannten dazustossen, müssten sie nach der Erstkommunionsfeier ins Auto steigen, 20 Minuten zur Alpwirtschaft hinauffahren, auf der engen Strasse dorthin mühsam den entgegenkommenden Autos ausweichen, einen Parkplatz ergattern und von dort auch nochmals 10 Minuten zu Fuss zur Wirtschaft gehen. Zugleich würden sie den traditionellen Apéro verpassen und den Zoobesuch verschieben müssen.

Auf der anderen Seite war die Neugier gross, wie die Gruppe sich bei einem neuerlichen Zusammenkommen verstehen würde. Da ein atmosphärisch einmaliger Abend sich ja nicht einfach wiederholen lässt, würde es möglicherweise ziemlich ernüchternd werden. Indes könnten vielleicht auch neue Freundschaften entstehen, was ja, je älter man wird, desto seltener vorkommt – einfach deswegen, weil man seine Freundschaften in früheren Jahren schon geknüpft hat.

Irgendwie konnten sie sich einfach nicht richtig entscheiden. Deshalb einigten sie sich für den Moment darauf, dass sie, ausser es würde ein kleines Wunder geschehen, nicht extra ihre Pläne ändern würden. Denn immerhin hätten sie mit Menschen, die ihnen etwas bedeuteten, einen Termin abgemacht, und da gehörte es sich doch, dass man sich daran hielte.

Sie waren nicht die einzigen aus der fröhlichen Runde, die sich über das erneute Zusammenkommen Gedanken machten. Fritz überlegte sich auch, während er den steilen Abstieg absolvierte, ob er dann vielleicht noch jemanden mitbringen dürfte. Für die Dynamik der Gruppe wäre das womöglich nicht förderlich, zumal er sie ja auch nicht danach gefragt hatte. Aber andererseits wäre es vielleicht noch schön, wenn er seine Freundin Hanna den anderen vorstellen könnte. Die beiden kamen zusammen, nachdem Hanna sich von ihrem Ex-Mann getrennt hatte und die Frau von Fritz an Krebs verstorben war. Auch wenn sie schon länger ein Paar waren, besassen sie nach wie vor ihren eigenen Haushalt.

So kreisten seine Gedanken, während er sich zugleich auf den Weg konzentrierte. Auch wenn er sich noch nicht ganz sicher war, dachte er doch eher, dass er alleine gehen würde. Von den übrigen würde ja wohl auch keiner eine weitere Begleitperson mitführen. Irgendwie fand er es auch gegenüber Kari nicht angemessen, der ihm erzählt hatte, dass er alleinstehend wäre. Nichtsdestotrotz wollte er noch mit Hanna darüber sprechen, der er ohnehin von seinen Begegnungen erzählen würde, wenn sie sich das nächste Mal sähen.

Am nächsten Tag war es dann soweit, als Fritz Hanna besuchte. Für sie war auch schnell klar, dass sie sich da nicht reindrängen möchte. Sie machte stattdessen Fritz den Vorschlag, dass sie an Ostern zusammen ins Nachbardorf in die Kirche gehen könnten. Dort würde eine gute Kollegin von ihr im Chor singen, der sie schon lange versprochen hätte, mal zu einem ihrer Einstätze zu kommen. Dann könnten sie diesen Sonntag gemeinsam verbringen und er hätte dann den übernächsten Sonntag wieder für sich. Damit war Fritz selbstredend einverstanden.

Bei sich zu Hause liess er es sich nicht nehmen, etwas mehr über all die Sonntage der Osterzeit nachzulesen. Im Internet wurde er schnell fündig. Er registrierte, dass ihre Namen von Eingangsliedern im Gottesdienst stammten und einen Bezug zu einer Bibelstelle aufwiesen. Küsche hatte ihnen ja nur die Namen der ersten beiden Sonntage erklärt. So vertiefte sich Fritz in die Bedeutung der darauffolgenden Sonntage. Die nächsten beiden, «Jubilate» und «Cantate», stammen aus den Psalmen. Speziell der Psalm 98 zu Cantate hatte es Fritz angetan, der mit den Worten beginnt: «Cantate Domino canticum novum quia mirabilia fecit», oder auf Deutsch: «Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat Wunder getan.» Er dachte dabei, dass er mit den neuen Bekanntschaften in der Alpkapelle auch bald Lieder singen würde – und bestimmt wäre auch ein neues dabei. Dazu kam ihm noch der spielerische Gedanke, dass bis dahin ja noch genügend Zeit wäre, dass ein Wunder geschähe. Was für eines das wohl sein könnte?

Nun gut, man mag es Wunder oder auch Zufall nennen. Doch Fritz staunte nicht schlecht, als er im Ostergottesdienst, in den ihn Hanna mitgenommen hatte, plötzlich zwei bekannte Gesichter entdeckte: «Das sind ja Felix und Judith», entfuhr es ihm während eines Chorstücks; und weil sich zwei vor ihm sitzende Personen zu ihm umdrehten, hielt er sich die eine Hand vors Mund, während er mit der anderen eine entschuldigende Geste machte. «Kennst Du jemanden», flüsterte Hanna Fritz zu. «Ja, du glaubst es nicht, zwei aus dem Chor hab ich vor einer Woche in der Alpwirtschaft kennengelernt. Wir können sicher nach dem Gottesdienst noch kurz mit ihnen sprechen.»

Die beiden staunten nicht schlecht, als sie vor der Kirchentür von Fritz angesprochen wurden. Er stellte ihnen sogleich Hanna als seine Partnerin vor. Eine Frage, die unausweichlich kommen musste, war jene, ob man sich in einer Woche wieder sehen würde. Judith und Felix hatten eigentlich schon damit abgeschlossen gehabt. Doch als sie nun Fritz vor sich sahen, meinte Judith: «Ja, wir kommen auch! Wir schieben einfach den Termin mit unserer Tochter um zwei Stunden nach hinten. Das klappt bestimmt. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und Du, Hanna, kommst Du auch?» Hanna schaute Fritz an und als sie sah, wie er ihr zunickte, gab auch sie zur Antwort: «Ja klar, wo ein Wille ist …!»

Und wie das Wiedersehen vonstatten ging, werde ich im nächsten Kapitel erzählen.

Pfr. Stefan Rathgeb

Geschichte zur Woche vom 30. April 2020

 

Kapitel V

Am Morgen trafen die beiden Wanderfreunde beim Frühstück. Beide fühlten sich gut erholt von der Nacht, auch wenn sie bei Kari etwas abwechslungsreicher als bei Fritz ausgefallen war. Der hatte wie ein Murmeltier geschlafen und freute sich schon auf den Austausch mit seinen neuen Freunden. Er war von den beiden zuerst im Frühstückssaal und hatte an einem Zweiertisch Platz genommen. Als er Kari hereinkommen sah, winkte er ihm fröhlich zu und machte eine einladende Geste.

Kari musste sich nicht zweimal bitten lassen und setzte sich sogleich zu Fritz an den Tisch. Nachdem sie sich nach dem jeweiligen Befinden des anderen erkundet hatten, erzählte Kari von seinem Traum, in welchem ja seine Wandergruppe, aufgeteilt in Gruppen, eigenmächtig in verschiedene Richtungen gezogen waren. Er beendete seine Schilderung mit den Worten:

„Weisst du Fritz, da gehst du immer wieder mit denselben Leuten auf Wanderschaft und hast dabei schon viel erlebt: Einen mussten wir wirklich mal in den Notfall bringen, nachdem er unglücklich hingefallen war; und wir hatten uns auch schon in Gruppen aufgeteilt, weil gewisse lieber eine Kirche anschauen wollten, während die anderen in „Lädeli“ gingen, vermissten dann jemanden, mussten ihn suchen und fanden ihn auch wieder. Doch dabei konnte ich mich immer auf die Hilfe der anderen in der Gruppe verlassen. So schlimm wie im Traum, als alles gleichzeitig geschah und ich das Gefühl hatte, alle meine Schäfchen steuern dem Abgrund entgegen, war es in der Realität nie. Hoffentlich bleibt es beim Traum.“

 

„Ach Kari“, versuchte ihn Fritz zu beruhigen, „Träume spiegeln einfach, was unser Seele beschäftigt. Da kommen schon Situationen vor, die mit unserem Leben zu tun haben. Aber das heisst ja nicht, dass in Zukunft genauso eintreten muss. Du hast doch selbst gesagt, dass Du gut einschlafen konntest, nachdem du dir gesagt hattest, dass du es schaffen würdest.“

„Ja, stimmt“, antwortete Kari. „Als ich mich innerlich wie einen Hirten sah, der schon immer gut für seine Schäfchen geschaut hatte und mit Gottvertrauen sein Bestes gegeben hatte, kam in mir das Gefühl auf, dass auch die nächste Wanderung wieder gut über die Bühne gehen würde.“ Worauf Fritz ihn bestärkte: „Siehste, dann wird es auch so kommen!“

Kari bestellte sich daraufhin bei Petra einen Kaffee und machte sich auf zum Frühstücksbuffet. Nachdem er etwas im Magen hatte, war er auch schon wieder voller Zuversicht und Tatendrang. Er fragte Fritz nach dem südlichen Teilstück der Wanderung aus und schmiedete schon wieder Pläne, welche Wege er noch abgehen wollte.

Umgekehrt fragte auch Kari den Fritz nach dem Weg, der von der Alpwirtschaft nordwärts in die Talschaft runterführte. Er wurde von Kari allerdings gemahnt, dass das zwar ein schöner Weg sei, aber für eine Gruppe, in der vielleicht nicht alle gleich fit sind, doch eine Herausforderung darstellen würde. Er jedenfalls ginge nicht mit seinen Wanderern hier hoch. Nichtsdestotrotz meinte Fritz, er wolle den Abstieg doch über die Nordroute machen – und wenn schon nicht für seine Wanderfreunde, dann doch wenigstens für sich.

Als die beiden rüstigen älteren Männer realisierten, dass sich schon bald ihre Wege wieder trennen würden, kam gerade Petra zum Tisch, um diesen soweit wie schon möglich abzuräumen. Sie nutzte die Gelegenheit, um die beiden zu fragen, ob sie sich denn auch vorstellen könnten, in zwei Wochen wiederzukommen, wenn der Gottesdienst mit den Pilgern anstünde und mindestens das junge Ehepaar vom Vorabend auch hier wäre. Christina und Samuel hätten nämlich bereits den runden Tisch für nach dem Gottesdienst reserviert und liessen fragen, ob sie – Fritz und Kari – auch kommen würden. Vielleicht wären ja auch Judith und Felix dabei, die wüssten es aktuell einfach noch nicht.

Fritz und Kari mussten beide nicht lange überlegen. Fritz erwiderte als erster: „Ich habe mich ohnehin schon gefragt, ob es vielleicht ein Wiedersehen geben könnte. Eine bessere Gelegenheit dafür gibt es ja gar nicht, als in zwei Wochen wieder vorbeizukommen. Ich bin dabei.“ Und auch Kari meinte: „Ehrensache, ich auch. Hätte nicht gedacht, dass die Initiative von Christina und Samuel aus käme. Das ist doch toll!“

Nach dem Frühstück gaben die beiden ihren Zimmerschlüssel ab. Sie mussten nicht mehr ins Zimmer zurück, da sie ja ohne eigene Reiseutensilien für die Nacht angekommen waren. Ein bisschen schmuddelig fühlten sie sich ja schon, aber auch ein wenig wie Pilger für ein Wochenende. Geduscht waren sie ja und so verschwitzt waren jetzt ihre Kleider auch noch nicht, als dass sie diese nochmals hätten anziehen können.

Sie verabschiedeten sich voller Vorfreude bei Petra und meinten, sie solle doch Küsche die besten Grüsse von ihnen bestellen. Und in zwei Wochen würden sie sich ja dann in der Kapelle wiedersehen, wenn Küsche den Sigristendienst haben würde. „Da wird er sich sicherlich freuen! Heute hat er frei, aber bereits morgen sehe ich ihn wieder; dann werde ich ihm gerne eure Grüsse ausrichten.“

Fritz und Kari traten hinaus vor die Tür der Wirtsstube und unterhielten sich noch ein wenig. Zum Schluss sagte Fritz: „Kari, mir ist noch etwas in den Sinn gekommen, als du davon sprachst, dass du dir wie ein Hirt vorkommen würdest, der auf der Wanderschaft zu seinen Schäfchen schaute. Vielleicht liegt es an der Umgebung hier mit der Kapelle vor uns und den interessanten Geschichten von Küsche, die er in seiner Gaststube hinter uns erzählt hatte. Mir ist auch eine biblische Geschichte in den Sinn gekommen – nämlich die vom verlorenen Schaf. Manchmal ist es schon erstaunlich, wie im Alter frühe Erinnerungen aus der Kindheit plötzlich wieder glasklar da sind: Als ich als Bube zur Sonntagsschule ging, da hatten wir ein Malbuch, auf dem der gute Hirt auf der Titelseite abgebildet war. Der hatte sich auf die Suche nach einem verlorenen Schaf gemacht und trug es nun auf seinen Schultern. Und wenn es mir recht ist, dann gab es, als er wieder zurück war, aus Freude über das wiedergefundene Schaf ein Jubelfest.“

Da stiess Kari spontan einen Jauchzer aus, der die ganze Umgebung erklingen liess. Und fröhlich nahm auch Fritz den Klang des Echos auf mit einem Jauchzer von sich. Mit diesem Jubelklang zogen sie dann weiter, jeder in seine gewählte Richtung, und freuten sich schon darauf, sich in zwei Wochen wiederzusehen.

Soviel zu „Jubilate“ (Jauchzet), im nächsten Kapitel erzähle ich dann weiter zu „Cantate“ (Singt).

Pfr. Stefan Rathgeb

Kapitel IV

Die Zeit in der geselligen Runde verging wie im Flug. Doch irgendwann konnten speziell die älteren Herrschaften ihre Müdigkeit nicht mehr verbergen. Und so ergab es sich, dass vor der Verabschiedung noch all das kurz ausgetauscht wurde, was die Gäste brennend interessierte.

Felix wollte von Küsche wissen, weshalb er denn so gut Bescheid wüsste über all die Traditionen; wenn er an den Sigristen seiner Gemeinde dächte, so würde der wohl kaum sagen können, wie der erste Sonntag nach Ostern hiesse. «Na ja», meinte Küsche, «es ist nicht so, dass ich über alles so viel erzählen könnte wie über die Osterzeit, die ja mit Ostern beginnt und bis Pfingsten dauert. Eigentlich habe ich mein Wissen den Pilgern zu verdanken, die ja stets in dieser Zeit bei uns vorbeiziehen, und unserem inzwischen pensionierten Dorfpfarrer, der gelegentlich einen Trinken kommt.

Witzigerweise hat mir aber ein katholischer Pilger den Merksatz beigebracht, der eigentlich für die evangelischen Namen der Sonntage nach Ostern zu gebrauchen ist: ‚Quitten müssen junge Christen roh essen.‘ Der erste Buchstabe jedes Wortes entspricht dem ersten Buchstaben eines weiteren Sonntags: Das ‚Q‘ von ‚Quitten‘ hilft einem, sich an den Namen ‚Quasimodogeniti‘ des ersten Sonntags nach Ostern zu erinnern, und so weiter.»

«Dann beginnt also der zweite Sonntag nach Ostern mit einem ‚M‘», fragte Samuel postwendend. «Ja, genau, der heisst …», Küsche machte eine künstlerische Pause und erkundete mit theatralischen Handbewegungen, ob jemand am runden Tisch die Antwort wüsste. Da niemand sich äusserte, konnte er, wie erwartet, selbst den gesuchten Namen verkünden: «Misericordias Domini!» Weil Küsche in mehrere müde, aber zugleich neugierige Augenpaare blickte, versuchte er, dieses Thema zumindest für diesen Abend abzuschliessen: «Also, die Bedeutung von ‚Misericordias Domini‘ sage ich euch noch. Und sonst schaut gerne – wie erwähnt – in zwei Wochen oder sonst mal während der Osterzeit wieder bei mir rein.

Der Name bedeutet ‚Die barmherzigen Taten des Herrn‘ und greift das Thema ‚Der gute Hirte‘ auf. So viel mir geblieben ist, haben die Katholiken dieses Thema um einen Sonntag nach hinten verschoben, aber da kenn ich mich wirklich zu wenig aus. Ich kann nur das wiedergeben, was mir der evangelische Pfarrer erzählt hat: Im Alten Testament wird Gott beschrieben als ‚guter Hirte‘, der barmherzig zu uns Schäfchen schaut, und im Neuen Testament bezeichnet sich Jesus selbst so. Wenn das nicht eine schöne Vorstellung ist, wie wir beschützt werden. Jetzt bin ich aber reif fürs Bett. Ihr könnt ja beim Einschlafen Schäfchen zählen und dabei an uns denken, dann können wir sicher alle himmlisch umsorgt einschlafen und wieder zu Kräften kommen. Ich verabschiede mich schon mal und wünsche allen eine gute Nacht. Petra, kannst Du, falls unsere Gäste noch Wünsche haben, diese entgegennehmen und zum Schluss dann alles abräumen und abschliessen? Besten Dank!»

Küsche reichte jedem noch die Hand und ging danach umgehend zu Bett. Die beiden älteren Herren Fritz und Kari taten es ihm gleich, waren sie doch schon Stunden zuvor fast eingenickt. Blieben also noch die beiden Ehepaare und die Serviceangestellte zurück. Das jüngere Pärchen, das sich bisher eher zurückgehalten hatte, fragte nun Petra, ob sie für den Sonntag in zwei Wochen einen Tisch zum Mittagessen für sie reservieren könnte, sie würden gerne nach dem Gottesdienst hier speisen. Petra war sichtlich überrascht, reagierte aber professionell und sagte: «Kein Problem! Für wie viele Personen?» «Sicher mal für uns zwei, aber vielleicht kommt ja sonst noch jemand von heute Abend dazu», meinte Samuel.

Judith und Felix zögerten, besprachen sich kurz und gaben zu verstehen, dass sie am besagten Sonntag wohl verhindert wären; falls es ihnen doch ginge, würden sie sich aber in den nächsten Tagen noch bei Petra anmelden. Diese meinte, sie würde am nächsten Morgen auch noch Fritz und Kari danach fragen. Dann kam sie auf die schlichte Idee: «Wisst ihr was, ich reserviere euch einfach wieder diesen runden Tisch. Und wer kommt, der kommt.» Felix fragte gewissenhaft nach: «Aber wenn wir jetzt wirklich nicht können und so viele Leute unterwegs sind, wie Küsche meinte, fehlen dann die Plätze nicht anderen Gästen?» «Das lass nur meine Sorge sein», erwiderte Petra zackig. Damit war alles geklärt, die vier Gäste halfen ihr noch, das Geschirr in die Küche zu tragen und verabschiedeten sich herzlich mit der hehren Absicht, sich doch bald wieder sehen zu wollen, und dem frommen Wunsch, dass alle wie wohlbehütete Schäfchen geruhsam schlafen mögen.

Tatsächlich durften alle gut einschlummern – wie kleine Kinder, die nach einer umsorgten Wachphase unbekümmert den Tag loslassen und sich in einer Welt der Träume wiederfinden. Was da wohl jedem einzelnen unserer «Tafelrunde» begegnete? Jedenfalls fühlten sich alle am nächsten Morgen gut erholt; selbst Kari, dessen Gefühle mitten in der Nacht so richtig durcheinandergewirbelt worden waren. Als er nämlich urplötzlich schweissgebadet aufgewacht war, brauchte er eine Weile, bis er seine Orientierung wiederfand; zu frisch war noch sein Traum.

Darin erlebte er, wie er mit seiner Wandergruppe den Weg ging, den er tagsüber rekognosziert hatte. Sie starteten ebenfalls von Norden her, von wo aus die Pfade steil hinaufführten. Schon bald ereignete sich ein erstes Unglück. Ein Mann rutschte aus und konnte zu Fuss nicht mehr weitergehen. Daher hievten sie ihn auf ein «Bänkli» und wiesen ihn an, hier sitzen zu bleiben, bis Hilfe käme. Alle anderen zogen weiter und kamen heil in der Alpwirtschaft an. Sie gönnten sich ein feines Mittagessen und diskutierten dazu, was sie anschliessend tun wollten. Weil sie sich nicht einigen konnten, gingen einige danach in die Kapelle, andere kehrten zum sitzengelassenen Wanderfreund zurück, um ihm doch noch zu helfen, und der Rest zog weiter auf den noch unerkundeten Wegen Richtung Süden.

Mit dem Gefühl, dass ihm seine ganze Gruppe entglitten wäre, war Kari völlig gestresst aufgewacht. Als er wieder bei sich war, murmelte er vor sich hin: «Wenn das kein Alptraum war.» Er konnte sich diesen aber leicht erklären. Stand jetzt, wäre er noch nicht genügend vorbereit, um mit seiner Wandergruppe aufzubrechen: Die Nordroute war zu gefährlich und die Südroute kannte er noch zu wenig. «Ein Hirt muss halt auf seine Schäfchen aufpassen», dachte er sich.

Da kam ihm in den Sinn, dass er – es dürfte zur Osterzeit gewesen sein – einmal eine Predigt gehört hatte, in der es geheissen hatte: «Weide meine Schafe!» Diese Stelle wollte er finden, griff nach der Bibel in der Nachttischschublade und nahm sich vor, in jedem Evangelium die Ostergeschichte kurz durchzulesen. In den ersten drei Evangelien beschränkte sich diese auf das letzte Kapitel. Nichts. Also schlug er noch das vierte, von Johannes verfasste Evangelium auf. «Hier sind es sogar zwei Kapitel», ächzte er. Als er beim Lesen schon fast resigniert hatte, wurde er doch noch fündig. In Kapitel 21, Vers 17, ist es Petrus, der vom auferstandenen Jesus Christus die Worte vernimmt: «Weide meine Schafe!»

Da fühlte sich Kari auch gleich angesprochen und dachte: «Auf der Wanderung bin ich der Hirt, der gut zu seinen Schäfchen schaut. Das werde ich hinkriegen. Ich frag am Morgen Fritz über den Aufstieg von Süden her aus und begehe diese Strecke noch selber.» Nun war Kari beruhigt. Ihm ging noch der Beginn von Psalm 23 durch den Kopf: «Der Herr ist mein Hirt, mir mangelt nichts, er weidet mich auf grünen Auen. Zur Ruhe am Wasser führt er mich», und schlief alsbald entspannt und im Gefühl von Geborgenheit wieder ein.

Das nächste Kapitel setzt mit dem morgendlichen Austausch zwischen Kari und Fritz ein und bringt uns das Thema des dritten Sonntags nach Ostern mit dem Namen «Jubilate» näher, was schlicht und einfach «Jauchzet» bedeutet. Mit jedem weiteren Kapitel wird sich die Erzählung entlang der Sonntage vier bis sechs nach Ostern weiterspinnen, welche die klingenden Namen «Cantate» (Singt), «Rogate» (Bittet) und «Exaudi» (Höre) tragen.

Pfr. Stefan Rathgeb

Kapitel III

Kaum hatte Küsche den Tisch von Fritz und Kari verlassen, kam auch schon die Serviceangestellte mit dem Filet im Teig, das beide als ihr abendliches Mahl auserkoren hatten. Dazu gönnten sie sich ein Glas einheimischen Weins. Wie das mundete. Beseelt und zufrieden von allem, was sie am heutigen Tag erleben und schmecken durften, wurden sie immer schläfriger. Zuerst wäre Fritz fast eingenickt, hätte Kari nicht sein Besteck absichtlich auf seinen leeren Teller fallen lassen, um ihn durch das scheppernde Geräusch daran zu hindern. Wenig später begann Kari verdächtig mit dem Oberkörper hin- und herzuschwanken, wie wenn man zu lange fernsieht und den richtigen Zeitpunkt verpasst, ins Bett zu gehen.

Nun machte sich Fritz einen Spass daraus, neigte sich weit über den Tisch und fragte in freundlichem, aber energischem Ton sein Gegenüber: «Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee haben?» Kari erschrak, schüttelte sich und musste herzhaft lachen: «Ja, ein Kaffee wäre jetzt genau das richtige» und schob nach: «Jetzt hätte ich Dich ‚bimeid‘ für unsere Serviertochter gehalten, wenn Du auch noch eine so schicke weisse Schürze wie sie angehabt hättest.»

«Haben Sie etwas gegen meine Kleidung», hörte Kari hinter seinem Rücken. Für einen Moment blieb ihm das Lachen im Halse stecken. Sie war eine kräftig gebaute Frau und er hätte ihr zugetraut, dass sie ihm kumpelhaft, aber mit Schmackes auf den Rücken klopfen würde. Leicht angespannt drehte er seinen Kopf langsam zu ihr um, worauf sie betont ladylike die Worte von Fritz wiederholte: «Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee haben?»

Jetzt brachen bei Fritz alle Dämme und er begann aus voller Kehle zu lachen, dass alle um sie herum, die dieses Schauspiel mitbekommen hatten, davon angesteckt wurden und entweder mitgrölten oder zumindest mitschmunzelten. Auch Kari konnte sich dem Gelächter nicht entziehen und sagte, als er sich wieder gefangen hatte: «Das war jetzt mal ein spontanes Osterlachen! Nur leider auf meine Kosten.»

Als die Leute um ihn herum etwas verwundert dreinblickten, realisierte er, dass ja nur Fritz und er die Einweihung der benachbarten Kapelle an Ostern vom Wirt erzählt bekommen hatten, und die übrigen Gäste noch nicht in österlicher Stimmung waren. Und so stand Kari kurzerhand auf und erklärte ihnen knapp diesen Zusammenhang.

Es herrschte ohnehin allgemeine Aufbruchstimmung im Wirtshaus. Die meisten hatten schon ihre Rechnung bezahlt und verabschiedeten sich mit einem fröhlichen Spruch oder einem höflichen Gruss in die Runde der Gästeschar. Zwei Ehepärchen blieben noch übrig, eines im mittleren Alter an einem runden Tisch, das gerade Tee und Gebäck bestellt hatte, und ein jüngeres an einem Zweiertisch, das kurz davor war, nach der Dessertkarte zu fragen.

Kari, der noch immer wie ein Gastgeber im Raum stand, erfasste das blitzschnell und konnte alle dazu animieren, an den runden Tisch zum Ehepaar mit dem Gebäck zu sitzen, der Wirt wüsste noch eine spannende Geschichte zu erzählen. Das wollte sich niemand entgehen lassen und so füllte sich der runde Tisch mit allen verbliebenen Gästen.

Sie stellten sich einander vor und überlegten sich, was für einen gemütlichen Ausklang des Abends noch fehlen würde. Man brauchte nicht lange, um sich zu finden: Es wurde noch mehr Gebäck bestellt und für jeden, der noch keine Tasse vor sich stehen hatte, einen Kaffee oder einen Tee. Diesmal lud Fritz alle dazu ein; auch die Serviceangestellte und den Wirt, die sogleich alles Gewünschte brachten und sich auch zu ihnen gesellten.

Für Fritz und Kari war die Spannung unerträglich, während sie darauf brannten, endlich mehr über den hiesigen Pilgerbrauch zu erfahren. Doch Küsche wollte seiner neuen Hörerschaft zuerst noch erklären, wie die Margareten-Kapelle zu ihrem Namen gekommen war; zum einen, weil das zum Verständnis des Brauchs dazugehörte, zum anderen, weil er damit zugleich auf die Frage eingehen konnte, welche die Frau des älteren Ehepärchens ihm beim Hinsetzen gestellt hatte: «Das ist doch eine evangelische Gemeinde. Weshalb trägt dann die Kapelle einen Namen, als ob sie einer Heiligen geweiht wäre?»

Als schliesslich alle auf dem gleichen Wissenstand waren, wollte nun auch noch der Mann des älteren Ehepärchen etwas von Küsche wissen: «Wir waren vorhin in der Kapelle. Ist das, was wir an der Wand gesehen haben, ein Weihwasserbecken?» Küsche antwortete mit einer Engelsgeduld: «Ihr stellt gute Fragen. Ja, das ist ein Weihwasserbecken. Doch lasst mich bitte einfach erzählen, dann werdet ihr auch darüber alles erfahren. Also.»

Küsche holte einmal tief Luft und fuhr fort: «Nachdem die Kapelle an Ostern eingeweiht worden war, kam am Samstag darauf wie jedes Jahr eine Pilgergruppe hier vorbei. Wie üblich nächtigten sie in unserem Gasthof. Sie folgten einer Tradition, die ihre Wurzeln im Mittelalter hatte. Dazumal gehörte ihr Dorf zu demselben Kloster wie das unsrige. Ihre Leute waren die ersten, die sich nach Ostern auf einen Pilgerzug Richtung Kloster begaben. Danach schlossen sich auf ihrem Weg Gläubige aus unserer und aus einer weiteren Pfarrei an, deren Leute ebenfalls in Abhängigkeit zum Kloster standen. Doch mit der Reformation änderte sich das. Im Gegensatz zu den beiden anderen Pfarreien, wurden wir hier evangelisch und der Bezug zum Kloster brach ab, jedoch nicht zu den Pilgern. Sie waren in unserem Wirtshaus nach wie vor gern gesehene Gäste.

Als nun ein erstes Mal ein Pilgergrüppchen bei der frisch eingeweihten Margareten-Kapelle vorbeikam, staunten die Gläubigen nicht schlecht, dass die Kirche einen Namen einer ihrer Heiligen trug. Sie lasen ihn auf dem Gedenkstein, der zur Einweihung errichtet und unter der Woche nachträglich, in Erinnerung an das erste Taufkind, mit ihrem jetzigen Namen versehen worden war.» Küsche wandte seinen Blick zum Ehepaar, das schon den ganzen Abend am runden Tisch gesessen hatte: «Ihr seht, schon damals wunderte man sich über den Namen der Kapelle. Und jetzt erfahrt ihr auch gleich mehr über das Weihwasserbecken. Doch wenn wir schon bei Namen sind, wollen wir nicht auch noch Duzis machen?»

Tatsächlich waren Küsche und seine Serviceangestellte Petra nicht dabei gewesen, als man sich zuvor gegenseitig bekannt gemacht hatte. Als die beiden Ehepaare nickten, sauste Küsche kurzerhand hinter den Tresen. Diesmal griff er aber nicht wie zuvor für die Urkunden in eine Schublade, sondern ins oberste Regal mit den Schnapsflaschen. Nachdem er an den Tisch zurückgekommen war, stiessen sie erneut an und so erfuhren auch Küsche und Petra, wie sie alle hiessen: Nebst Fritz und Kari waren da Judith und Felix, die interessiert Fragen gestellt hatten, sowie die beiden jüngsten unter ihnen, Christina und Samuel.

«So, Judith und Felix, jetzt wird es für euch besonders interessant», setzte Küsche bedeutungsschwanger wieder ein. «Nachdem die Pilger im Gasthaus übernachtet hatten, gingen sie am Morgen, wie sie es gewohnt waren, zur Gottesdienstzeit ins Kirchlein gegenüber. In früheren Jahren hatten sie hier am evangelischen Gottesdienst teilgenommen, der ja nun im Dorf unten abgehalten wurde. Diesmal waren sie unter sich und liessen die Stille auf sich wirken. Ihnen war das Weihwasserbecken auch aufgefallen. Als sie wieder draussen standen, unterhielten sie sich darüber. Und weil sie neugierig waren, entschlossen sie sich, nochmals kurz im Wirtshaus einzukehren und den Wirt danach zu fragen.

Da erst wenige Gäste in der Wirtsstube sassen, konnte sich Margrits Vater problemlos die Zeit nehmen, sich mit den Pilgern zu unterhalten. Er erklärte, dass der Architekt für den Neubau des Kirchenschiffes alte Zeichnungen der Kapelle aus dem Mittelalter angeschaut hätte; seine Absicht wäre gewesen, ursprüngliche Elemente, die mit der Reformation entfernt worden wären, diskret wieder zur Geltung zu bringen: Ein Weihwasserbecken und ein Kerzenhalter, beide abnehmbar, hätten so wieder Eingang in die Kirche gefunden.

An diesem Morgen – so wurde es mir jedenfalls überliefert – wurde von den Pilgern und dem Wirt, der ja auch der Sigrist der Kapelle war, zusammen die Idee geboren, man könnte doch am Sonntag nach Ostern einen Gottesdienst für die Pilger feiern. Dabei sollte es die Möglichkeit geben, für alle schwangeren Frauen und kürzlich getauften Säuglinge eine Kerze zu entzünden und im Stillen, wie es einem beliebt, Gott oder die Schutzpatronin für die Gebärenden, die Heilige Margareta, um Beistand zu bitten.

Eigentlich unvorstellbar, dass damals angesichts der konfessionellen Spannungen so eine Idee sich durchsetzen konnte. Wahrscheinlich war angesichts des tragischen Todesfalls von Margrits Bruder das Bedürfnis nach heilvollem Miteinander und göttlichem Beistand für Schwangere und Neugeborene derart gross, dass, alten Traditionen und Pfaden folgend, dieser neue Brauch entstehen konnte.

Weihwasserbecken und Kerzenhalter wurden nie abmontiert, allerdings lediglich am ‚Weissen Sonntag‘ oder – wie wir ihn heute in evangelischen Kreisen nennen – an ‚Quasimodogeniti‘ genutzt. Die Pilger brachten extra hierfür an Ostern geweihtes Wasser mit, das sie ins dafür vorgesehene Becken füllen konnten. Und so handhaben wir es hier bis heute am ersten Sonntag nach Ostern.»

«Das ist ja eindrücklich», tönte es vom jüngeren Ehepaar wie aus einem Munde, wobei Christina noch die Frage nachschob: «Kann denn jeder zu diesem Gottesdienst kommen?» «Ja, selbstverständlich», antwortete Küsche postwendend. «Ihr alle könnt gerne in zwei Wochen mit dabei sein. Die Gemeinde feiert auch hier oben mit, so dass die Kirche ‚pumpenvoll‘ sein wird. Ich werde aber dafür besorgt sein, dass ihr auch ein Plätzchen haben werdet. Schliesslich mache ich für die Handvoll Gottesdienste, die innerhalb eines Jahres in der Kapelle stattfinden, wie meine Vorfahren den Sigristendienst. Währenddessen schaut Petra im Restaurant für das Nötigste.

Ach, Petra, hol doch bitte für unsere beiden Wanderfreunde noch unsere Aufmerksamkeit für ihren Aufenthalt!» Küsche zwinkerte mit den Augen und sie schien zu verstehen. Wenig später kam sie zurück, beladen mit zwei ordentlich zusammengefalteten weissen Stoffwaren. Doch was war das? Küsche klärte die verdutzten Fritz und Kari auf: «Wisst ihr eigentlich, was ‚Quasimodogeniti‘ bedeutet?» Alle schüttelten nur den Kopf. «Das heisst: ‚Wie die neugeborenen Kinder‘ und erinnert an die Tradition, der bereits der ‚Weisse Sonntag‘ seinen Namen verdankte, als die an Ostern Getauften eine Woche lang bis zum nächsten Sonntagsgottesdienst ihre weissen Taufkleider trugen.»

Kari verstand nicht ganz: «Was hat das jetzt mit uns zu tun?» Petra antwortete mit einem Lächeln auf den Stockzähnen: «Ihr habt ja, wie so manche Pilger vor euch, keine Nachtunterwäsche mit dabei. So», sie streckte ihnen die Stoffware entgegen, «jetzt habt auch ihr eine schicke weisse Schürze für eure Nacht.» Kari schien noch immer nicht ganz zu verstehen, so dass ihm Fritz auf die Sprünge half: «Das sind unsere Nachthemden, Du Dummerchen! Wir werden aussehen wie neugeborene Kinder, wenn wir sie anhaben werden.» Erneut bewirkte Karis Verhalten ein heiteres Gelächter. Und weil er gut über sich selber lachen konnte, dauerte es auch dieses Mal nicht lange, bis er darin einstimmte.

Wie der Abend zu Ende ging und was Kari in seinem Gästezimmer erlebte, als er quasi wie ein neugeborenes Kind einschlief, erzähle ich im nächsten Kapitel.

Pfr. Stefan Rathgeb

Kapitel II

Als nun der Wirt zu den beiden gestrandeten Wanderern hockte, spendierte Kari, der hier schon einen süssen Zvieri zu sich genommen hatte, jedem einen Aperitif. Sie stiessen mit ihren Gläsern an und machten erst einmal Duzis. Der andere Wanderer hiess Fritz und der Wirt stellte sich als Küsche vor, wie im Dorf seiner Kindertage alle mit dem Namen Markus gerufen werden. Von ihm wollten die beiden anderen nun erfahren, was es mit dem Brauch, hierher zu pilgern, auf sich hat.

Er begann: «Im Mittelalter war das Dorf, zu welchem diese Alp gehört, im Besitz eines weit entfernten Klosters. Das besass nicht nur hier, sondern in vielen weiteren Gegenden Grundbesitz und Eigenleute, vielfach sogar eine eigene Kirche. Die Besonderheit bei uns war, dass die historische Pfarrkirche hier oben stand. Da sie in einem schlechten Zustand war, musste sie vor knapp drei Jahrhunderten erneuert werden; und so entstand die Kapelle, wie ihr sie nun sehen könnt, mit einem schlichten neuen Schiff; nur der Turm mit seinen alten Glocken stammt noch aus der Zeit des Mittelalters.

Die Leute vom Dorf nutzten die Gelegenheit, weil sie nicht mehr Sonntag für Sonntag hier hoch kommen wollten, und errichteten zeitgleich bei sich unten eine neue Kirche, die sie fortan als ihre Dorfkirche für ihre Sonntagsgottesdienste, Hochzeiten und Beerdigungen nutzen wollten.»

«Wofür wird dann die Kapelle gebraucht», fragte Fritz, «etwa für Taufen?» Da entgegnete ihm Küsche: «Das mit den Taufen ist so eine Sache. Heute gibt es zweimal im Jahr extra einen Gottesdienst in der Kapelle nur für Taufen, weil die Menschen von heute die Ambiance so schön finden. Die kümmern die alten Geschichten wenig. Aber gewöhnlich finden die Taufen ohnehin an einem Sonntag unten in der Dorfkirche statt.»

«Was denn für alte Geschichten», wollte Kari wissen. Küsche wurde zum Nachbartisch gerufen, wo man zahlen wollte. Er entschuldigte sich mit den Worten: «Bin gleich wieder da, ich will euch das gerne erzählen», stand auf und ging sein Portemonnaie hinter dem Tresen holen. Aber nicht nur das; als er das Geld einkassiert hatte und wieder zu Kari und Fritz zurückkehrte, brachte er ein altes Schriftstück mit. Er hielt es Kari unter die Nase und sagte geheimnisvoll: «Hier hast Du eine alte Geschichte.»

Kari versuchte die Handschrift zu lesen, was gar nicht so einfach war. Offensichtlich war es eine sehr alte Todesbescheinigung von einem Kind. «Woher hast Du den Totenschein», fragte Kari verwundert. «Der wurde in meiner Familie immer weitergegeben», antwortete Küsche. «Ist etwas makaber, ich weiss. Aber es ist ja schon lange her. Und wenn man ein so altes Erinnerungsstück aus der eigenen Familiengeschichte hat, ist es doch auch etwas Besonderes. Damit hat es folgendes auf sich:

Schon seit Generationen ist das Gasthaus im Familienbesitz. Als die Kapelle gebaut wurde, wohnten hier bereits Vorfahren von mir. Sie waren frisch zum zweiten Mal Eltern geworden und freuten sich, dass sie als erste Familie in der neu gestalteten Kapelle ihr Kind durften taufen lassen. Auf Ostern war die Taufe angesetzt, integriert in den Einweihungsgottesdienst der Kapelle. Und weil der Vater des kleinen Mädchens Sigrist war, wollte er die Kirche besonders ansprechend gestalten.»

«Dann ist das ihre Todesbescheinigung», durchfuhr es Fritz. «Nein», meinte Küsche bestimmt, «hör doch jetzt einfach zu!  Also, der Vater war Sigrist und wollte für die Taufe den Kirchenraum schön ausschmücken. Und weil der Gründonnerstag ein strahlender Frühlingstag war und die ersten Blümchen sprossen, lag es nahe, selber einen Blumenstrauss für den Ostergottesdienst zu pflücken. Die Eltern fanden, das könnte doch auch ihr älteres Kind machen; der Junge war immerhin schon sechs Jahre alt. Dann wäre das sein persönliches Geschenk an seine Schwester.

Sie sahen darin keine Gefahr, kannte er doch die Umgebung gut und war schon häufig alleine unterwegs. Sie bedachten allerdings nicht, dass etwas anders war als sonst. Da die Kapelle nun fertig gestellt war, schloss man auch die Kirchentüre auf für Wanderer und Besucher. Der Junge konnte so seinen Strauss, wenn er ihn dann zusammengepflückt hatte, gleich in der Kapelle deponieren. Das tat er auch, aber dummerweise war die Tür zur Treppe auf den Turm ebenfalls nicht abgeschlossen. Neugierig, wie Kinder in seinem Alter nun mal sind, machte er die Tür auf, schloss sie ordentlich hinter sich und ging ganz hinauf. Das hatte ihn immer schon gereizt. Denn das letzte Mal, als er mit dem Vater dort oben gewesen war, war er zu klein, um sich noch daran erinnern zu können.

Damals war man noch nicht so sehr auf Sicherheit bedacht wie heute. Und so gab es auf dem Dachboden des Turmes unterhalb der Glocken auf der einen Seite eine kleine Lucke und auf der anderen Seite ein Fenster, das zwar Normalgrösse hatte, weil aber der Raum wie zusammengestaucht wirkte, fast bis zum Boden herab reichte. Das Fenster glich also eher einer Balkontüre mit einer kleinen Schwelle. Ihr ahnt es schon, wie das Unglück nun seinen Lauf nahm.

Als der Junge auf dem Dachboden angekommen war, musste er feststellen, wie eng es hier oben war. Die Lucke und das Fenster waren geöffnet, damit genügend Luft zirkulieren konnte. Wahrscheinlich hatte er aus dem Fenster geschaut und sich umgedreht, als gerade sein Vater von Hand am Seil der Glocke zu ziehen begann, um elf Uhr zu läuten. Vielleicht wich der Knabe aus Schreck vor der baumelnden Glocke etwas zurück. Die hätte ihn allerdings gar nicht treffen können; aber zu spät, …

Nach dem Geläut fand ihn sein Vater auf der Seite des Turmfensters am Boden leblos auf dem Rücken liegen. Der Schock sass tief. Schnell entschlossen sie sich zusammen mit dem Pfarrer, schon am Karfreitag die Beerdigung im engsten Familienkreis durchzuführen, damit sie dies hinter sich hätten, wenn dann an Ostern die Einweihung samt Taufe als grosses Gemeindefest gefeiert würde.

Was aber völlig ungewöhnlich für die damalige Zeit war: Der Junge wurde nicht auf dem Friedhof bestattet. War es aufgrund der Todesursache? War es aufgrund der tiefen Trauer der Eltern? Man weiss es nicht. Vielleicht haben sie ihn bei der Kirche, vielleicht in ihrem Garten beigesetzt. Man weiss es ebenfalls nicht. Das Dorf versank über diesem Schicksalsschlag drei Tage in kollektiver Trauer. Am Ostersonntag strömte das Dorf zum Einweihungsfest zusammen. Nur der kleinere Teil fand in der Kapelle Platz, der Rest feierte bei geöffneten Türen von aussen mit.

Die Taufe des kleinen Mädchens war Trost für die geschundenen Seelen der Eltern und der Dorfleute und bedeutete für alle einen Neuanfang, wenngleich ihr Lebensmut noch ein zartes Pflänzchen war. Der gepflückte Blumenstrauss, das Geschenk des Jungen an sein Schwesterchen, überstrahlte alles, was an Eindrücken während dieses Gottesdienstes wahrnehmbar war; er stand Pate dafür, dass die Eltern ihr Mädchen spontan auf den Namen Margareta taufen liessen. Und so bekam auch das Kirchlein seinen Namen, den es bis heute trägt: Margareten-Kapelle.

Als Margrit eine alte Frau war, gab es offenbar einzelne Dorfbewohner, die daran zweifelten, dass sie je einen Bruder gehabt hätte; schliesslich fehlte ohne Grab jegliche Spur von ihm. Nur etwas erinnerte noch an ihn. Und das ist eben diese Todesbescheinigung. Doch wartet, ich will euch noch etwas anderes zeigen, danach könnt ihr gemütlich euer Nachtessen einnehmen.»

Küsche verschwand nochmals hinter dem Tresen und kam schnurstracks an den Tisch von Kari und Fritz zurück. Er zeigte ihnen abermals ein Schriftstück, diesmal allerdings eines, das äusserst kunstvoll gestaltet war. Die beiden Wanderer erkannten sofort, was es war: «Eine Taufurkunde!» Küsche nickte und sagte: «Genau! Das ist der Taufschein von Margrit. Sie hat ihn – zusammen mit der Todesbescheinigung ihres Bruders – ihrem ältesten Sohn vermacht, der das Gasthaus weiterführte. Jeder aus unserer Familie, der hier weiter wirtete, erhielt diese beiden Erinnerungsstücke von seinem Vorgänger – und jetzt besitze ich sie.»

Eine bedächtige Ruhe kehrte ein; für ein Weilchen wusste keiner so richtig, was er jetzt sagen sollte. Dann las Kari den Taufspruch Margrits auf ihrer Urkunde und dachte, wenn er diesen laut vorläse, wäre doch das ein schönes Schlusswort. Er stammt aus der Ostergeschichte des Matthäusevangeliums (Kapitel 28, Vers 19): «Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.»

Im nächsten Kapitel will ich dann weitererzählen vom jahrhundertealten Brauch, der nur verständlich ist, wenn man auch diesen Teil der Familiengeschichte des Wirtes kennt.

Pfr. Stefan Rathgeb

Geschichte zur Woche vom 3. April 2020

Bevor ich eine mehrteilige Geschichte erzähle, die hier Woche für Woche mit einem neuen Kapitel erscheinen wird, will ich kurz berichten, wie ich dazu kam.

In den letzten Wochen sah ich, wenn ich mit dem Hund spazieren ging, ganz unterschiedliche Leute; auch einige, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Und mit dem gebührenden Abstand ergab sich der eine oder andere nette Wortwechsel. Obwohl wir alleine – oder höchstens zu zweit – unterwegs waren, gab es so einen kurzen Moment des gemeinsamen Innehaltens. Beide Seiten erzählten kurz, woher sie kamen und wohin sie gingen, und zwar auf das eigene Leben bezogen.

Es ist im Grunde genommen wie beim Pilgern, bei dem man häufig alleine unterwegs ist und, nach einer zufälligen Begegnung, für einen Moment oder für eine gewisse Stecke sich mit jener Person über den eigenen Weg im Leben austauscht. Und hier beginnt meine Geschichte, die eigentlich eine Geschichte von vielen verschiedenen Menschen unserer Zeit ist - Menschen, die mir einst so oder ähnlich über den Weg liefen und vielleicht auch jemandem, der dies liest, vertraut vorkommen dürften.

 

Kapitel I

An einem sonnigen Sonntagnachmittag im Frühling begaben sich zwei Männer, ohne es zu wissen, auf denselben Weg. Beide wollten eine Wanderung rekognoszieren für eine grössere Gruppe, die sie später hier durchführen wollten. Der Weg führte von einer Postautohaltestelle zur andern, doch nicht etwa der Autostrasse entlang, sondern durch ein hübsches Waldstück zu einem Aussichtspunkt hinauf und von dort wieder hinunter. Der eine startete sein Unterfangen von der Südseite her, der andere von der Nordseite.

Dieser hatte das steilere Stück vor sich. Gleich zu Beginn ging‘s für ihn stotzig eine Strasse und danach einen Waldweg hinauf. Er kam arg ins Schnaufen und überlegte sich reiflich, ob sein Seniorengrüppchen, wenn es denn soweit wäre, hier gut vorankäme. So schön die Landschaft war, wenn er es sich recht überlegte, so würde er seinen Wanderfreundinnen und -freunden mit dieser Route keinen Gefallen tun. Daher entschloss er sich, jetzt wenigstens die Wanderung alleine zu geniessen.

Jener, der sich vom Süden her aufmachte, hatte in Erfahrung gebracht, dass es von hierher zwei Wege gäbe, um zum Aussichtspunkt zu gelangen. Als er loszog, wusste er noch nicht, welchen er nehmen sollte: den direkteren oder den etwas längeren, der dafür die reizvollere Aussicht böte. Als er bei der Weggabelung angelangt war, begann er die Wegweiser mit ihren Zeitangaben zu studieren. Gegenüber davon stand eine kleine Scheune, aus der gerade eine Bäuerin herauskam. Weil der Wanderer nicht der erste war, der hier vor dieser Entscheidung stand, half sie ihm spontan dabei mit den Worten: «Also wenn Sie genügend Zeit haben, dann würde ich den weiteren Weg nehmen. Da hat man hin- und wieder einen tollen Blick hinunter und er führt idyllisch dem Bächlein entlang.» Was will man noch lange überlegen. Der Wanderer bedankte sich artig und ging den Weg, der ihm empfohlen wurde.

Der andere war mittlerweile beim Aussichtspunkt angekommen. Hier bot sich ihm ein wunderbares Panorama, das er sichtlich genoss. Um sich nach dem anstrengenden Aufstieg etwas zu stärken, ging er in die Alpwirtschaft und bestellte sich etwas Süsses zu essen und etwas Kühles zu trinken.

Doch auch wenn die Tage wieder länger wurden; wollte er noch vor dem Eindunkeln wieder unten sein, musste er sich sputen. Als er bereits ein Weilchen Richtung Süden unterwegs war, kreuzte er den anderen Wanderer. Sie grüssten höflich, wie sich das gehörte. Weil beide in Eile waren, wollten sie sich eigentlich nicht aufhalten lassen. Dann aber durchfuhr jenen, der von Süden her kam, die Neugier und er fragte: «Geht es noch lange bis oben?»

Ein paar Minuten Innehalten durfte ja schon sein, dachten nun beide; und sie plauderten ein wenig. Jeder wollte vom anderen wissen, wie jene Wegstrecke aussähe, die sie noch vor sich hätten. Und nach und nach erzählten sie, wo sie herkamen und was sie hierher führte. Sie fanden sogar heraus, dass sie einen gemeinsamen, wenngleich nur flüchtigen, Bekannten haben.

Weil es sie reute, den bisher gelungenen Tagesausflug hektisch zu beenden, kamen sie zum Schluss, sie könnten ja gemeinsam in die Alpwirtschaft gehen, gemütlich zu Abend essen und über Nacht ein Zimmer nehmen. Auch wenn sie weder Pyjama noch Necessaire mit sich führten, dachten sie, wäre das lohnenswert.

Tatsächlich kamen sie auf ihre Kosten. Sie konnten das Abendessen sogar draussen einnehmen, so mild war dieser Frühlingstag. Es war gerade Palmsonntag. Und wie es hier üblich war, kamen zwei Alphornbläser, um die Karwoche mit weitherum hörbaren, aber doch besinnlichen Klängen einzustimmen.

Die beiden Wanderer waren durchaus mit kirchlichen Traditionen vertraut. Das war auch der Grund, weshalb sie erst am Nachmittag aufgebrochen waren, weil sie am Morgen noch die Kirche je in ihrem Ort besucht hatten. So war beiden die biblische Geschichte zum Palmsonntag noch im Ohr, in der Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem zum Passafest pilgert und bei ihrem Einzug in die Stadt feierlich von Bewohnern und anderen Pilgern mit Palmwedeln begrüsst werden.

Sie scherzten: «Das ist ja wie bei uns, wir sind auch hier hoch gepilgert zu einem gemeinschaftlichen Zusammensein. Fehlte nur noch, dass wir mit Palmblättern begrüsst worden wären.» Als der Alpwirt das hörte, eilte er herbei und sagte: «Wisst ihr denn, dass es durchaus Leute gibt, die Jahr für Jahr zu uns pilgern und es sich nicht nehmen lassen, in der kleinen Kapelle dort drüben eine kleine Feier zu begehen?» Sie baten ihn, sich doch zu ihnen zu setzen.

Was nun der Wirt über diesen jahrhundertealten Brauch zu berichten hatte, erzähle ich im nächsten Kapitel. Aber so viel kann ich schon verraten. Es sollte ein launiger Abend werden!

 

Pfr. Stefan Rathgeb

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